Advocatus bohemiae

2012-03

Nachruf auf Jan Trefulka

Jan Trefulka, der große mährische Schriftsteller ist am 22. November in seinem 84. Lebensjahr gestorben. Als wir ihn das erste Mal sahen und von seinem Schreiben und seiner Rolle unter den tschechischen Schriftstellern nur vom Hörensagen wussten, damals im Januar 1990, war er mit Ludvík Vaculík und Lenka Procházková nach München gekommen, direkt aus den Zeitungsberichten und Fernsehbildern der Samtenen Revolution heraus. Unverkennbar mit Hornbrille, graumeliertem Bart und braunem Barett, so stand Trefulka auf dem Bahnsteig, so ist er uns immer wieder begegnet, mit seiner warmen, rollenden Stimme, in der, wie Barbara von Wulffen einmal anmerkte, ein ganzer Bienenschwarm zu summen schien.

Zuletzt habe ich Jan Trefulka im Frühjahr 2007 in seinem Brünner Haus besucht, auf das freundschaftlichste bewirtet von seiner Frau. Es gab Chlebičky und mährischen Wein, und Trefulka erzählte von der Herausgabe seiner gesammelten Werke, die seit 2004 im Atlantis-Verlag erschienen, und auch ein wenig von den Schwierigkeiten, die Krankheit und Alter mit sich brachten. Weitere Reisen waren für ihn nicht mehr möglich. Umso wacher beobachtete er das kulturelle und politische Zeitgeschehen, das er in seinen Feuilletons kommentierte. Fast schon vergessen ist, dass er nicht nur wunderbare Feuilletons schrieb, sondern auch in Brünn den „Europäischen Feuilletonpreis“ organisierte.

Im November des Jahres 1991 lud er als Vorsitzender der mährisch-schlesischen Schriftstellergemeinde zur ersten Verleihung dieses Preises ein. Es gab einen Hauptpreis und sechs Nebenpreise, ein kleines, liebevoll gestaltetes Büchlein wurde publiziert und in einem Gasthaus bis weit nach Mitternacht gesungen und getrunken. Einige Jahre bereitete Trefulka diesen einmaligen europäischen Preis vor, immer weniger von Prag unterstützt, immer mehr auf einen kleinen Kreis von Freunden angewiesen. Längst gibt es diesen Preis nicht mehr.

Aber die Erinnerung bleibt, zum Beispiel an die Zeilen, die Trefulka zur ersten Verleihung schrieb: „Eines steht fest, das Feuilleton kann kein Dummkopf, kein Mensch ohne Verständnis für Humor und Selbstironie, kein Mensch schreiben, der einer belustigenden Selbstreflexion auf dem Niveau des Individuums, der politischen Partei, der Nationalität und großer philosophischer Konzeptionen unfähig ist. Das Feuilleton ist nicht für Menschen, die ewige Wahrheiten proklamieren und auf Irrtümern verharren wollen.“ (Evropský fejeton. Brno 1991, Vorwort)

Es bleibt die Erinnerung an einen großen Schriftsteller, der trotz aller Einschränkungen, die er in seinem Leben wiederholt erdulden musste, seinen Humor nicht verlor und den Narren an den Höfen der mitteleuropäischen Geschichte stets mehr Sympathie entgegenbrachte als allen Königen, Präsidenten und sonstigen Vertretern der Macht.   Peter Becher