Advocatus Bohemiae

2012-04

Von Schlüsseln und Einkaufswagen in Prag

Der 18. Dezember 2011, der Tag an dem Václav Havel starb, war ein Sonntag, und denjenigen, welche den Tag nicht vor dem Fernseher verbrachten, konnte diese traurige Nachricht entgangen sein. Bis zum Abend hatte sich aber auf verschiedenen Wegen herumgesprochen, dass der erste freie Präsident der Tschechoslowakei, die Galionsfigur des Widerstands gegen den Kommunismus, nicht mehr lebte. Via Fernsehen, Radio und Internet wurde zu einer spontanen Trauerkundgebung auf dem Wenzelsplatz aufgerufen. Diesem Platz im Zentrum Prags, dem in der tschechischen Geschichte sicher die größte symbolische Bedeutung zukommt. So versammelten sich an diesem nasskalten Dezemberabend einige tausend Menschen vor der Reiterstatue des Heiligen Wenzel und gedachten ihres toten Präsidenten. Direkt vor dem Denkmal wurde über den Köpfen der Menschen eine übergroße tschechische Flagge gespannt. Aus mitgebrachten Lautsprechern erklangen Lieder von Marta Kubišová, die, während des Kommunismus mit einem Auftrittsverbot bestraft, ebenso symbolisch für die tschechische Freiheit steht. Es wehte ein Hauch von 1989 über dem Platz. Spontan kramten die Versammelten Schlüsselbunde hervor, streckten sie hoch und begannen zu klimpern – so wie es Hunderttausende während der Samtenen Revolution am gleichen Ort viele Male praktiziert hatten. In den folgenden Tagen versank ganz Tschechien in tiefe Trauer. Es kam zu spontanen und vor allem landesweiten Trauerkundgebungen. Man begegnete überall Menschen, denen ihre tiefe Betroffenheit anzusehen war. Erst im Moment des Verlustes, so fühlte sich die Trauer an, erkannten viele Tschechen, die Havel in den vergangenen Jahren durchaus eher kritisch gesehen hatten, welch wichtige Persönlichkeit ihrer eigenen Geschichte sie verloren hatten.

Als dann am 23. Dezember um 12 Uhr mittags die Glocken im Land geläutet wurden, ruhte das öffentliche Leben in der Tschechischen Republik fast ganz - in einer Schweigeminute. Dies war außerordentlich beeindruckend. In den Schulen, auf Postämtern – überall verharrten die Menschen. Selbst in den großen Einkäufsmärkten der Vorstadt rollte kein Einkaufswagen mehr und standen alle Kassen still. In der Stille des Schweigens zogen aber dennoch einige Unentwegte ihre Kreise. Freie Einkäufe in einem freien Land wurden getätigt, als gäbe es kein später. Aber gäbe es all die Möglichkeiten heute - ohne Havel, damals in der Tschechoslowakei?   Thomas Oellermann, Prag