Oskar Baum

Biographie

* 21. Januar 1883 Pilsen
† 20. März 1941 Prag (gelegentlich wird in der Sekundärliteratur auch der 1. März genannt, manchmal als Todesjahr 1940) Die meisten Abbildungen bei Serke (s.Bibliographie, bestes Foto dort 137) Auch Oskar Baum ist einer jener nach Prag gezogenen Autoren, die aus einer Kleinstadt stammen und jüdisch bürgerlicher Abkunft sind, wie Ludwig Winder oder Hermann Ungar. Im Alter von acht Jahren verliert er die Sehkraft auf einem von Geburt an schwachen Auge. Das andere Auge wird von tschechischen Knaben drei Jahre später durch einen Steinwurf so verletzt, dass Baum fortan blind ist. Er wird von der jüdischen Blindenanstalt Hohe Warte in Wien aufgenommen, in der er zum Musikreferenten, Klavierlehrer und Organisten ausgebildet wird. Daraufhin kehrt er nicht nach Pilsen zurück, sondern siedelt sich in Prag an. Eins seiner Werke schildert offenbar dicht entlang der Autobiographie die Umstände in solchen Blindenschulen wie der in Wien: Das Leben Im Dunkeln. Blindheit ist darüber hinaus auch in Die verwandelte Welt und Die neue Wirklichkeit sowie einer Reihe von Erzählungen das vordergründige Erzählthema. Allerdings thematisiert Baum diese körperlich-sensorische Einschränkung nicht selbstmitleidig oder larmoyant, schon sein literarisches Debüt, der Erzählungsband Uferdasein steht unter einem programmatischen, von Nietzsche gelieferten Motto: „Das Mitleid ist etwas, das überwunden werden muss.“ Dementsprechend geht es von einer vitalistischen Position aus um Identität, Sein und Schein, deren Problematiken in drei Erzählungen durch gespielt werden. 1907 heiratete er Margarete Schnabel und verdiente seinen Lebensunterhalt als Klavierlehrer. Nicht zufällig beginnt sein Publizieren mit einem schmalen Band, der mehrere Erzählungen enthält, denn Baums Erzählen war zunächst mündliches. Im Prager Freundeskreis mit Weltsch, Kafka und insbesondere Brod, die häufig bei Baums zu Gast waren, war Baum ein gern gehörter Erzähler. Schließlich ermunterte ihn Brod, diese Geschichten zu diktieren, um sie einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Baum notierte und konzipierte mithin nicht schriftlich, sondern entwarf die Texte im Kopf, bis er später einer Sekretärin diktierte. Daraus lässt sich nicht allein der relativ geringe Umfang des Debüts erklären, sondern auch, dass sein nächstes längeres Werk sich an die Autobiographie anlehnt. In toto kann die Aufnahme einer schriftstellerischen Tätigkeit selbst als Anstrengung zur Überwindung des Blindenschicksals und Behauptung von Normalität gesehen werden. 1912 findet Baum den Mut sich von den biographischen Vorgaben zu lösen und publiziert einen heiteren, fast kolportagehaft anmutenden Roman in dessen Mittelpunkt eine junge, etwas naiv wirkende Frau steht: Die Memoiren der Frau Marianne Rollberg (bekannt durch den Prozeß mit dem Polizeikommissar Fröderer). Schon der Titelzusatz ist ein Zeichen, dass die Kolportage nicht so ernst zu nehmen ist. Vielmehr ist sie eingebunden in ein Spiel um Öffentlichkeit und Medialität, das den Roman als Ausnahme kennzeichnet. Ein Jahr darauf erscheint schon der nächste Roman mit dem Titel Die böse Unschuld. Ein ungewöhnlicher Text, der sich die Lage der Juden in einer böhmischen Kleinstadt zum Gegenstand wählt, schildert, wie diese zwischen den Lagern der tschechischen und deutschen Nationalisten hin- und hergerissen sind, keinen eigenen festen Standpunkt  und so immer gefährdet sind, von beiden Seiten zum Sündenbock erklärt zu werden. Die Sympathie des Erzählers gilt allerdings offenkundig der deutschen Kultur, die als Heimat erscheint. In der deutschen Kultur findet er auch publikatorisch ein Zuhause, denn Baum veröffentlicht eine Vielzahl von Texten in den Periodika des Expressionismus wie Der Sturm oder Die Aktion, ohne dass man Baum jedoch leichthin dieser literarischen Richtung zuschlagen könnte. Diese Erzählungen belegen eindrucksvoll Baums Talent für die kurze Prosa, was von seinen gelegentlichen Gedichten nicht zu behaupten ist. Eine gelungene Auswahl der Erzählungen ist dennoch bisher noch nicht erschienen. Zwei Erzählungen  belegen dies als selbständig erscheinende Publikation im Jahre 1918, erzählen vom Wahnsinn in und aus Liebe und vom Wahn der großen Idee, die einen Politiker emotional erblinden lässt. Noch aus der Vorkriegszeit stammt nach eigenem Bekunden der Roman Die verwandelte Welt, der allerdings erst 1919 erscheint. Er entwirft ein fantastisches Szenario vor dem Hintergrund der Blindenproblematik: nahezu alle Menschen erblinden und nur eine kleine Gruppe von Sehenden bleibt erhalten. Die Blinden richten die Gesellschaft ihren Bedürfnissen entsprechend ein, und die Minderheit kommt damit nicht mehr klar und zieht sich als eine politische Widerstandsgruppe in die Berge zurück. Als es zur finalen Schlacht zwischen Sehenden und Blinden kommt, die noch von einerinzestuösen Mutter-Sohn-Szene überlagert wird, springt der Erzähler in die Rahmenhandlung zurück, aus der er sich zuvor eher unbemerkt stahl, und lässt die gesamte Geschichte als Traum eines auf Heilung hoffenden Blinden erscheinen. Im selben Jahr erscheint Baums wohl bekanntestes Buch Die Tür ins Unmögliche, worin er einen messianischen Anarchismus propagiert, der für ihn untypisch, am ehesten dem Pathos des “Oh, Mensch!“-Expressionismus entspricht, dabei aber leicht surreale Anklänge besitzt. Im Mittelpunkt des Romans steht Krastik, eine Erlöserfigur, die willig die Schuld der Welt auf sich nimmt und dafür zusehends mehr Verehrung erfährt. Als sich diese Verehrung sektenmäßig und politisch organisiert hat und kurz vor der Übernahme der politischen Macht steht, verstirbt Krastik auf mysteriöse Weise und die Gläubigen müssen sich selbst neu organisieren. Es geht im Roman um die jüdische Problematik, zum Sündenbock erklärt zu werden, und um die Adaption der Jesusfigur als aktiver Träger von Schuld, was als Ausweg perspektiviert wird. „Die vor allem sind schuld, die leiden und ihre Leiden hinnehmen. Warum opfern sie sich lieber für als gegen diese grauenhafte Folterkammer: Ordnung der Menschen.“ So der Text, der damit zwar den gängigen Topos aufnimmt, dass in der Prager deutschen Literatur will von Schuld gehandelt würde, zugleich aber versucht Schuld produktiv zu wenden und sie als Pflicht zum politischen Handeln deklariert. 1920 wird ein Drama Oskar Baums vom Prager Landestheater uraufgeführt, das den Titel Das Wunder trägt, von dem allerdings keine Druckfassungen erhalten sind.
Wiederum nur ein Jahr später erscheint der sehr sachlich gehaltene und nach dem Vorgänger nahezu konventionelle Roman Die neue  Wirklichkeit, worin Baum die allmähliche Integration eines Kriegsblinden beschreibt.   In Baums früher Schaffensphase drängten die Romane augenscheinlich nur so aus ihm heraus, von Uferdasein bis zu Die böse Unschuld, von Zwei Erzählungen  bis zu Die neue Wirklichkeit vergeht kaum ein Jahr, allenfalls zwei Jahre bis ein neuer Text erscheint. Der Erste Weltkrieg hat diesen Publikationsdrang lediglich unterbrochen, ihn aber nicht unterdrückt. Nachdem Erscheinen von Die neue Wirklichkeit vergeht eine längere Zeit bis Baum wieder in der Lage ist, ein eigenständiges, umfangreicheres Werk zu publizieren. Teilweise dürfte das an den Nöten der Nachkriegszeit liegen, die auch in der jungen tschechoslowakischen Republik durch Inflation und Lebensmittelknappheit gekennzeichnet war. Die politischen Rahmenbedingungen hatten sich ebenso wie die ökonomischen gravierend verändert. Baum muss sich offenbar neu orientieren und außer gelegentlichen Publikationen in Zeitschriften, die entweder dem Genre der Unterhaltungsmagazine zugehören wie Gartenlaube oder Westermanns Monatshefte oder jüdische Selbstverständigungsorgane sind wie Der Jude, Jüdische Revue oder Jüdischer Almanach legt er keinen eigenständig publizierten Text in diesen Jahren vor, zumal er auch ab 1922 als Musikkritiker für die Prager Presse schreibt. Erst 1928 erscheint die Erzählung Drei Frauen und ich, gefolgt im nächsten Jahr von wiederum einer Erzählung Nacht ist umher, die jedoch in Reclams Universalbibliothek veröffentlicht wird und Baum damit als kanonischen Autor präsentiert, selbst wenn es noch eines wohlwollenden Nachwortes von Stefan Zweig bedarf. Einen veritablen Roman schafft Baum erst im Anschluss daran: Die Schrift, die nicht log wird 1931 veröffentlicht und ist ähnlich wie Die Memoiren der Frau Marianne Rollberg ein spielerischer Entwurf über die Identitätsproblematik, das Verhältnis von Sein und Schein und Schreiben, das Baum in vielerlei Varianten bewegt und sein Schaffen vom literarischen Erstling an immer wieder durchzieht. Der Blick auf einen Nahbereich, ein beschränktes Set von Personen und einen klar umrissenen Raum prägt mehrheitlich das Werk Baums bis zu diesem Zeitpunkt. Im geht es nicht um große geschichtliche Panoramen oder breit angelegte Familiensagas, sein Erzählen bleibt dicht an wenigen, aber dafür konkret erscheinenden Menschen – allenfalls fehlt seinen Protagonisten – dies die einzige Konzession an seine sensorische Beschränkung - das Gesicht. Jedenfalls lassen sich diese Charakteristika bis 1934 behaupten, genauer bis zum Zeitpunkt des Erscheinens des Romans Zwei Deutsche. Die Protagonisten dieses Romans geraten Baum ungewöhnlich schematisch, sind sie doch reine Ideenträger, verkörpern zum einen den enthusiasmierten Faschisten zum anderen den orthodoxen Kommunisten. Baum bleibt dicht an der Gegenwart, schildert den Sieg der Nazis und die intellektuelle Überlegenheit der Kommunisten - sie bewahren ein hohes kulturelles Niveau, wohingegen die braunen Heerscharen an deren Zerstörung arbeiten - sowie deren Unterdrückung und Verfolgung. Am Ende wird dem kommunistischen Pärchen von einem Profiteur des Nazisystems weitergeholfen, der sich für die Zeit nach der Diktatur absichern will. Die Hoffnung auf deren Untergang bestimmt somit das Ende des Textes, von der nunmehr klar ist, dass sie trog. 1932 erhielt Baum den tschechischen Staatspreis für deutsche Dichtung. Und 1934 trat er den Vorsitz des „Schutzverbandes deutscher Schriftsteller“ an. 1938 kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen wurde er aus dieser Funktion entlassen. Baum verlor in den 1934 folgenden Jahren nach und nach den Glauben an die deutsche Kultur, in die er sich einschreiben und die er fortschreiben wollte. Prag wurde zu einer der Hochburgen der ersten Exilanten und offenbar unter diesen Eindrücken wandte der Autor sich der Geschichte des jüdischen Volkes zu und schrieb einen voluminösen historischen Roman. Er reiht sich damit ein in eine Vielzahl von Schriftstellern, die in den Zeiten der ideologischen Verwirrung und Polarisierung versuchen im Rückgriff auf geschichtliche Konstellationen einen sicheren oder zumindest sichereren Standpunkt zu finden – wie bspw. Heinrich Mann in seinen Henri IV.-Bänden. Das Volk des harten Schlafes, so der Titel dieses Romans, ist das jüdische Volk, zumindest jener Teil desselben, der im Reich der Chasaren lebt. Um das Jahr 800 konvertiert ein Großteil dieses Turkvolkes zum jüdischen Glauben. Das Zustandekommen dieser Konversion erzählt Baum, gebunden an einen märchenhaften Helden und unterfüttert von einer Liebesgeschichte, eingebettet in Dispute über das Recht der Juden zu handeln, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, die eben durch den historischen Erfolg der Taten gerechtfertigt erscheinen. Eindeutig ein Roman, der zum Widerstand aufruft und der das Widerstandsrecht religiös-historisch zu legitimieren bestrebt ist.    Baum, der vielen Exilanten Hilfe leistete, engagierte sich schon frühzeitig und publizierte in Organen des antifaschistischen Widerstands wie Neue Deutsche Blätter oder Das Wort. Trotz seiner verhältnismäßig frühen Einsicht in die vom Faschismus ausgehende Bedrohung, gelang es Oskar Baum nicht, rechtzeitig zu emigrieren. Bemühungen, nach Palästina auszureisen, scheiterten an der Bürokratie. Er starb im Frühjahr 1941 an den Folgen einer Operation in Prag. Wenig später wurde seine Frau nach Theresienstadt verschleppt, wo sich ihre Spur verliert. Sein Sohn Leo Baum, entkam nach Palästina, fiel dort aber 1946, obgleich selbst bekennender Zionist einem zionistischen Terroranschlag zum Opfer. Von Oskar Baum ist kein Nachlass überliefert, 1938 begonnene Romanprojekte müssen als verloren gelten.

Oskar Baum fand als Literat bis dato kaum ausreichende Würdigung. Er ist bekannt als Mitbegründer des Prager Kreises, als Briefpartner und Freund Kafkas und Brods. Seine eigenen Werke wurden kaum zur Kenntnis genommen, weder von einer literarisch interessierten Öffentlichkeit noch von der literaturwissenschaftlichen Forschung.  

(Christian Jäger)