Bergmann, Hilda

Biografie

* 9. November 1878 in Prachatitz/Böhmerwald  + 22. November 1947 in Åstorp/Südschweden Friedhof Björnekulla, Block A, Platz 207 und 208 Über das Leben Leben und Schaffen der Dichterin Hilda Bergmann ist recht wenig bekannt wie ein Blick in die einschlägigen Literaturlexika schnell deutlich macht. Neben spärlichen Einträgen in regional relevanten Nachschlagewerken, verstreuten Artikeln in den Heimatbriefen der Böhmerwäldler oder der sudetendeutschen Presse, vor allem der fünfziger (zehnter Todestag bzw. 80. Geburtstag) und dann wieder seit den achtziger Jahren, sind weitere Einzelheiten über ihr Leben nur dem kargen Nachlass, den ihre Schwester Eduarda Striedinger 1962 dem Archiv des Böhmerwaldmuseums in Passau überlassen hat, zu entnehmen. Eine umfassende Kenntnis ihres genauen Lebenshintergrunds wird man daher nicht erlangen können. Dies mag daran liegen, das ihr Lebensweg zu seinem Ende eine einschneidende Wendung erfuhr. Hilda Bergmann wurde am 9. November 1878 in der Familie des deutschen Bezirksschulinspektors Eduard Bergmann und der Volksschullehrerin Emma Bergmann, geborene Fuchs, aus Höritz (*17.12.1856) in Prachatitz geboren. Sie wuchs gemeinsam mit den zwei jüngeren Schwestern Eduarda (*1881) und Otfrieda (*1883) in der Gartenstraße auf. Ihr Vater war erst 1866 aus Nordböhmen zugewandert, wo er am 19.4.1939 in Bullendorf bei Friedland geboren wurde. Sein Leben und sein Wirken als Lehrer hat Hilda Bergmann 1935 in dem Beitrag "Ein deutscher Schulmann" für die Zeitschrift Deutsche Heimat dargestellt. Nach einer von ihr als „sonnig und ungetrübt“ bezeichneten Kindheit in Prachatitz schlug auch Hilda Bergmann eine Laufbahn als Lehrerin ein und studierte ab 1894 zunächst an der Lehrerinnenbildungsanstalt in Budweis. Nach dem Ausscheiden des Vaters aus dem Schuldienst 1897 übersiedelte die ganze Familie nach Wien, wo den Töchtern eine bessere Ausbildung ermöglicht werden sollte und Eduard Bergmann ein spätes Studium generale aufnahm, bis er nach einem Schlaganfall 1905 an den Rollstuhl gefesselt war. Hilda Bergmann unterrichtete in Wien an verschiedenen Volksschulen, mußte aber wegen eines Herzleidens nach 10jähriger Berufstätigkeit 1908 ihren Beruf aufgeben. Im selben Jahr heiratete sie am 6. September den verwitweten Juwelier und Grundstücksmakler Alfred Kohner (* 17.5.1877), der einen zweijährigen Sohn Hans mit in die Ehe brachte. Die Familie lebte in der Kupelwiesergasse 10. Am 3.12.1914 starb Vater Bergmann, der sein Leiden laut Tochter Hilda „mit unendlicher Sanftmut und Güte“ ertragen hatte. Zu welcher Zeit Hilda Bergmann mit dem Schreiben begann ist nicht auszumachen, 1925 aber erschien ihre erste Gedichtveröffentlichung. Im März 1932 verlor Hilda Bergmann ihre Mutter. Dies ist ihrer Korrespondenz mit dem Schweizer Maler und Graphiker Ernst Kreidolf (1863-1956), die zwischen 1927 und 1938 unregelmäßig geführt wurde, zu entnehmen, ebenso wie die Tatsache, daß etwa zum selben Zeitpunkt der Umzug der Familie Kohner in eine bescheidenere Wohnung in der Spohrstraße erfolgte oder daß Hilda Bergmann wiederholt unter Herzbeschwerden litt und deshalb medizinische Behandlungen und Operationen über sich ergehen lassen mußte. Sie berichtet auch von Reisen nach München, offensichtlich zum Besuch ihrer Schwester Eduarda Striedinger, die hierher geheiratet hatte, und im Juni 1936 „nach vieljährigem Fernsein“ in ihre Heimatstadt Prachatitz. Von ihrer geliebten Heimat Böhmerwald, der sie in Gedichten und Zeitungsbeiträgen ein Denkmal gesetzt hat, mußte sie 1938 ebenso für immer Abschied nehmen wie von ihrem langjährigen Wohnort Wien. Der Grund dafür war die notwendig gewordene Emigration nach dem Anschluß Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, da ihr Mann jüdischen Abstammung war. Dies stellt für sie einen schweren Schicksalsschlag dar, was aus ihrem letzten Brief an Ernst Kreidolf vom 8. August (ohne Jahresangabe, wahrscheinlich 1938) ersichtlich wird. Sie berichtet, daß sie „beide über 60 Jahre alt, auswandern […] mußten“. Auch weist sie darauf hin, daß dort, wo sie „ als Schriftstellerin bekannt war, in Österreich, im sudetendeutschen Gebiet, in ganz Deutschland" nichts mehr von ihr erscheinen dürfe, sie darüberhinaus ihre Lehrerinnenpension verloren habe und daher nahezu mittellos sei. Sie fühle sich „in dem schönen und friedlichen Land als Fremdling, der von der Erinnerung an sein "früher" zehrt, das für immer dahin ist.“ Hilda Bergmann ging 1938 mit ihrem Mann ins Exil nach Schweden, wo sie bei dem Sohn Hans, der mit seiner Familie im südschwedischen Åstorp lebte, Zuflucht fanden. Hans Kohner hatte als Doktor der Chemie bei der Firma Faber in Nürnberg gearbeitet, sollte aber wegen der seit 1935 geltenden nationalsozialistischen Rassengesetze entlassen werden. Dank eines findigen Vorgesetzen wurde er als Leiter einer Filiale nach Schweden geschickt, wo er seit 1936 mit seiner Familie unter dem Namen Baumann lebte. In Schweden widmete sich Hilda Bergmann weiterhin dem Schreiben und fertigte Übersetzungen literarischer Werke aus dem Schwedischen ins Deutsche an. Die fremde Sprache erlernte sie in verhältnismäßig kurzer Zeit. Möglicherweise war es ein Mittel, der Einsamkeit und Tatenlosigkeit etwas entgegenzusetzen, zu der sie in dem fremden Land verurteilt war. Zudem kann man davon ausgehen, dass ihr das Erlernen von Fremdsprachen geläufig war, hatte sich doch schon ihr Vater Eduard Bergmann, wie sie in ihren Erinnerungen "Ein deutscher Schulmann" schreibt, als Autodidakt mehrere Sprachen angeeignet. Da es Hilda Bergmann spätestens seit 1938 verboten war, in Deutschland und den von Deutschland besetzten Ländern zu publizieren, finden sich Gedichte von ihr nur vereinzelt, beispielsweise in der Schweizer Zeitschrift Die Garbe, was durch Vermittlung des Schweizer Künstlers Ernst Kreidolf zustande gekommen sein mag. In den letzten Lebensjahren entstand das Gedicht 1938, dessen letzte Zeilen ihre tiefe Verstörung über das Leben in unvertrauter Umgebung deutlich machen: „Es ist mit grauem Haar, daß ich den unvertrauten Stab ergreife. Die Wurzeln zieh ich mühsam aus dem Grund und wandre, ein Fremdling auf dem Erdenrund, in eine Heimat, ewig über Sternen.“ Ergänzungen zum Lebenslauf Hilda Bergmanns in Schweden konnten die drei Kinder ihres Stiefsohns Hans Baumann Franz (*1931), Lida (*1937) und Ingrid (*1942) beisteuern, die sich im Jahre 2005 noch gut an die Stief-Großmutter erinnerten. Sie berichten, daß das Zusammenleben sehr schwierig war, da sich Alfred Kohner und sein Sohn nicht gut verstanden und der Platz in dem Haus in der Straße Esplanaden 26 sehr begrenzt war, weshalb die Möbel von Hilda Bergmann und Alfred Kohner im Keller gelagert werden mußten. Offensichtlich konnten die beiden nie heimisch werden. Schließlich erkrankte Hilda Bergmann. Ihr Stiefenkel Franz erinnert sich, daß sich ihre Persönlichkeit veränderte und sie, die vorher eher blaß, still und selbstaufopfernd erlebt wurde, aggressiv gegen ihren Mann wurde. Am 18. Januar 1945 wurde sie in das St.-Maria-Krankenhaus in Åstorp eingewiesen, wo sie am 22. November an Myocarditis starb. Zusammen mit ihrem Mann Alfred, der sich drei Tage nach ihrem Tod mit Schlaftabletten das Leben nahm, wurde sie am 28.11.1947 auf dem Friedhof von Björnekulla beerdigt. Das Grab ist noch vorhanden (2007) und wird von ihrem Stiefenkel gepflegt. Hilda Bergmann hat an publizierten Werken drei Gedichtbände und vier Märchenbücher hinterlassen. Zahlreiche Gedichte sowie Legenden, Erzählungen und ein Akt eines Dramas liegen darüberhinaus unveröffentlicht im Archiv des Böhmwaldmuseums. Den ersten ihrer drei Gedichtbände veröffentlichte sie unter dem Titel Die heiligen Reiher 1925 beim Verlag Paul Knepler in Wien. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sie viele ihrer Gedichte bereits weitaus früher verfasst hat, nachdem sie 1908 aus dem Schuldienst ausgeschieden war. Erst 1933 erschien ihr nächster Gedichtband Die stummen Dinge beim Krystallverlag in Wien, der nächste folgte 1936 beim selben Verlag und trug den Titel Zünd´ Lichter an. In ihrem Prosaschaffen konzentrierte sich Hilda Bergmann vor allem auf das Genre des Kunstmärchens. Auf ihren ersten Gedichtband war 1928 im Reichenberger Verlag Stiepel die Veröffentlichung eines Büchleins gefolgt, das Von Wichtelmännchen und anderen kleinen Leuten handelt und mit Zeichnungen des renommierten Malers Ferdinand Staeger (1880-1976) versehen ist. 1931 gab derselbe Verlag auch ihr Märchenbuch Vom Glöckchen Bim und andere Geschichten heraus. Über die Entstehungsgeschichte eines weiteren Buches mit Elfen- und Blumenmärchen mit dem Titel Die Himmelreichwiese gibt es mehr Informationen. Es erschien im Dezember 1935 im Schweizer Verlag Rotapfel und enthält Illustrationen des Schweizer Malers und Graphikers Ernst Kreidolf. Aus dem erhaltenen Briefwechsel der beiden kann ihre Zusammenarbeit an dem Märchenbuch Die Himmelreichwiese rekonstruiert werden. 1938 erhielt sie für ihr letztes veröffentlichtes Buch Märchen aus Wiese und Wald, das im selben Jahr im Wächterverlag in Teplitz-Schönau erschienen war, den ersten Preis beim Jugendbuch-Preisausschreiben des Bundes der Deutschen. Ein zum Druck vorbereitetes Buchprojekt mit dem Titel Der ewige Brunnen konnte danach nicht mehr verwirklicht werden. Zu Hilda Bergmanns Wirkungsfeldern gehörte auch die Beschäftigung mit dem Werk anderer Autoren, z.B. des bengalischen Philosophen und Dichters, des Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore (1861-1941). Sie fertigte Nachdichtungen seiner Gedichtsammlung Gitanjali / Sangesopfer und anderer Gedichte. Sie verfasste literatur- und kulturwissenschaftliche Beiträge unter anderem über Albert Schweitzer, über Stefan George und schrieb Rezensionen, z.B. der Hymnen an Deutschland von Gertrud von Le Fort oder eine Abhandlung über Agnes Miegel, Ina Seidel und Ruth Schaumann unter dem Titel Drei Dichterinnen aus Deutschlands Norden. Diese Beiträge sind in verschiedenen Zeitschriften wie Freie Welt (Gablonz), Sudetendeutsche Monatsblätter (Teplitz-Schönau), Deutsche Heimat (Plan bei Marienbad), Ackermann aus Böhmen (Karlsbad), Die Ernte (Plan bei Marienbad) u.a. erschienen. Da die ausgeschnittenen Zeitungsartikel im Nachlass ohne Angabe des Fundorts sind, ist eine genaue bibliographische Zuordnung erst nach Durchsicht dieser Zeitschriften möglich. Anna Knechtel