Hermann Grab

Biographie

6. Mai 1903, Prag – 2.August 1949, New York

So „skandalös uninteressant“, wie Hermann Grab ihn bezeichnete, war sein Lebenslauf nicht. Im Gegenteil – in mancher Hinsicht war er für die Wirren und die unheilvolle Entwicklung der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts bezeichnend.

Hermann Grab kam als Erstgeborener des Ehepaares Hugo Grab und Elly, geb. Bloch, zur Welt. Die deutsch-jüdische Industriellenfamilie Grab war seit langem in Prag ansässig: der Vater war Besitzer einer Ledertuch-, Wachstuch- und Gummifabrik, leitete eine weitere Baumaterialienfirma und war bis 1934 Präsident der Granitol-Werke in Bärn (Moravský Beroun), die Familie der Mutter stammte aus Wien. Als einer der wenigen Prager deutschen Literaten wuchs Hermann in einem wohlbehüteten großbürgerlichen, kulturell orientierten Milieu auf. Die Familie wurde 1915 von Kaiser Franz Josef für kommerzielle und kulturelle Verdienste in den Ritterstand erhoben, den Titel „von Hermannswörth“ benutzte sie jedoch nicht. 

Das Judentum stand in der Familie im Hintergrund; die Eltern hielten an der jüdischen Konfession fest, die Söhne Hermann und sein jüngerer Bruder Leo wurden 1919 katholisch getauft. Die Glaubensfrage war für Hermann Grab nicht besonders wichtig, mit der Problematik des Judentums beschäftigte er sich ausschließlich in seinem Proust-Vortrag (1933, erstmals abgedruckt in Cramer 1994). Die vielschichtige Analyse der Romanhelden ist ein umfangreicher Ausgangspunkt für eine kurze und prägnante Aussage über Prousts Auffassung des jüdischen Schicksals in der Diaspora, mit der Grab augensichtlich übereinstimmte: Die unzweifelhafte Außenseiterposition des Judentums, die Einsamkeit auch des Einzelnen ermöglicht dem jüdischen Menschen, die Gesellschaft von außen zu betrachten und seine aus der Lebensfremdheit ausgehende Einstellung zur Irrealität des Lebens zu überwinden – durch die Realität seines Volkstums oder durch die Realität der Kunst. „Zwei Wege“, sagt Grab, „und beide offenbar auf der Linie des jüdischen Schicksals liegend.“  Mit Freunden diskutierte Grab über das Judentum nach dem Anschluss Österreichs 1938. Nach H. G. Adler zeigte er zwar kein Verständnis für die Religion, bejahte und betonte aber in dieser Zeit seine Angehörigkeit zum jüdischen Volk. Diese Einstellung liegt auch den Exiltexten zu Grunde.

Hermann Grab absolvierte die deutsche Volksschule und das deutsche Staatsgymnasium in Prag, nach dem Abitur 1921 begann er mit dem Studium der Staats- und Kameralwissenschaften in Wien, wechselte für kurze Zeit nach Berlin über, um dann in Heidelberg Vorträge von Alfred Weber, Edgar Selin und Karl Jaspers zu hören. Das Studium schloss er 1927 mit der Arbeit  Begriff des Rationalen in der Soziologie Max Webers ab. Inzwischen studierte er seit 1925 an der Juristischen Fakultät der Deutschen Universität in Prag und wurde 1928 zum Dr. jur. promoviert.
In die Wiener Zeit fallen die ersten Kontakte Grabs zu Literaten und Musikern, vor allem zu dem Kreis um Schönberg und seine Schüler (Steuermann, der Pianist Rudolf Serkin, der Dirigent George Szell u.a.), der vielfach auch mit der literarischen Szene verknüpft war. Bedeutend für Grab war der Unterricht in Musiktheorie bei Alexander Zemlinsky und die Bekanntschaft mit Alban Berg und Theodor W. Adorno.
Die erste Anstellung als Konzipient in einer Advokatenkanzlei in Prag befriedigte ihn ebenso wenig wie die Aussicht auf die Mitarbeit im Familienbetrieb. Eine Lösung brachte 1932 sein Eintritt in die Redaktion des „Prager Montagblattes“, wo er als erster Musikreferent bis Ende 1938 beschäftigt war. Außerdem wirkte er als Klavierlehrer, hielt viel beachtete musiktheoretische Vorträge und engagierte sich in verschiedenen musikalischen und literarischen Vereinen und Institutionen. Seine Kontakte waren in der Prager Zeit breit gefächert und schlossen auch Wissenschaftler, vor allem Philosophen, ein – so beteiligte er sich, von Emil Utitz eingeladen, in den Jahren 1934 bis 1938 an den Diskussionen des „Phänomenologischen Zirkels“, berichtete z, B, in der Zeitschrift „Kritik. Kultur – Theater – Film“ über den 8. Philosophenkongress in Prag im September 1934.
Die Verbindung zur tschechischen Kulturszene war, bis auf Ausnahmen, im allgemeinen  mehr als locker, Grab selbst charakterisierte später dieses Verhältnis als eine „verrückte Prager Kulturteilung“, auf Grund deren er z. B. den berühmten Prager Pianisten Rudolf Firkušný erst im französischen Exil kennen gelernt habe.

Als hervorragender Pianist  blieb Grab, der später wegen einer Erkrankung der Hand weniger selbständige Konzerte gab, der objektiven Interpretation von Musikwerken verbunden. Ein Konzert, das sich als lebenswichtig erwies, arrangierte im Februar 1939 in Paris sein Bruder Leo, der nach dem Münchener Abkommen nach Paris emigriert war. Grab kam mit seinen drei kostbaren historischen Instrumenten nach Paris und nach der kurz darauf folgenden Besetzung der Tschechoslowakei blieb er in Frankreich. 1940 wurde er für die tschechoslowakische Auslandsarmee gemustert und auf Empfehlung von Rudolf Firkušný in die Propagandaabteilung eingesetzt. Die Bedingungen der Flucht aus dem besetzten Teil Frankreichs waren kompliziert und die fast halbjährige Wartezeit in Lisabon auf die Ausreise in die USA zermürbend. In psychologischer Kleinmalerei sind die Erlebnisse und Empfindungen der Emigranten in der Geschichte Ruhe auf der Flucht gestaltet.

Im Dezember 1940 erreichte Hermann Grab die USA und lebte bis zum seinem frühzeitigen Tod 1949 in New York. Durch eine bekannte Prager Familie lernte er seine künftige Gattin, die aus Belgien stammende Pianistin Frau Blanche, kennen. Bereits 1941 gründete Grab in New York die Musikschule „The Music House“, an der europäische Musiker und Musikpädagogen von Weltrang wirkten. Ab 1946 unterrichtete Grab an dem großen New Yorker Konservatorium  „David Mannes Music School“. „Leider Gott sei Dank“ habe er als Musiker und Klavierlehrer „so etwas wie eine ,Karriere’“ gemacht, schrieb H. Grab nach dem Krieg an Ernst Schönwiese und erklärte, die Beschäftigung mit Musik sei für ihn immer ein „Brotberuf“ gewesen, der ihn zwar „enorm“ interessiert, aber von der literarischen Tätigkeit, seinem „eigentlichen Berufe“, fern gehalten habe.

Grabs Erstlingswerk Der Stadtpark wurde von etwa 1932 bis 1934 geschrieben, gegen Ende 1934 mit dem Erscheinungsjahr 1935 herausgegeben. Mit außerordentlicher Empathie erzählt Grab die Geschichte der inneren Entwicklung des dreizehnjährigen Renato Martin. Erste Liebe und frühe Enttäuschung sind die äußeren Zäsuren dieses Prozesses, seine Raum- und Zeit-Koordinaten der Prager Stadtpark, Renatos Heim und Schule und die Zeitspanne Herbst 1915 bis Frühjahr 1916. Grab konzentriert sich auf Momente, in denen der Junge durch die Entdeckung seines Ich verletzt oder überwältigt wird, auf das Versinken in das Geheimnis der Zeit, die Zukunft und Tod enthält. Den Tod als etwas Sicheres, die Zukunft als eine Summe unendlicher Möglichkeiten, deren Wert durch den Tod relativiert wird. Auch das Erleben des Raumes als eines guckkastenartigen Ausschnittes der Welt ist ein Impuls zur Wahrnehmung seiner selbst. Der Stadtpark ist darüber hinaus das Symbol einer Welt, die mit dem 1. Weltkrieg zu Ende ging und die im Erscheinungsjahr definitiv zerstört war.

Inhaltlich und geistig verwandt mit dem Stadtpark ist die im Exil entstandene Erzählung Die Mondnacht. Von dem Hintergrund der Atmosphäre des 1. Weltkriegs heben sich kontrapunktisch die wesentlichen Koordinaten des Lebens ab – Liebe und Tod. Den Rahmen bildet ein Prager Wohltätigkeitskonzert zu Gunsten von Kriegsbeschädigten; in dem jungen Nikolas Körner erweckt die Musik das erste Ich-Bewusstsein – Sehnsucht nach Schönheit, nach Liebe, nach Leben. Der Eindruck, dass der Krieg, wie im Stadtpark, nur als fernes Echo zu den Prager Patrizierfamilien herüber dringt, wird einerseits mittels der simultanen Erwägungen über Kriegsgeschäfte ironisiert, andererseits durch den Tod des Bruders von Nikolas tragisch negiert. Grab stellt sich hier als Meister der simultanen Komposition vor, deren Hintergrund allerdings der ständig präsente Krieg ist: das Nebeneinander von Krieg und Profitdenken, das Nachklingen des Musikerlebnisses und die Nachricht über den Einstieg der USA in den Krieg, das Sentimental-Banale der Tagebucheintragung des Jungen über das Erlebnis von Liebe und Musik und der Tod seines Bruders.

Drei größere Erzählungen aus der Exilzeit bilden eine Art Triptychon.  In der Erzählung Die Advokatenkanzlei, deren Schauplatz Prag Ende der 30er Jahre und nach dem Anschluss ist, stellt Grab die Entstehung des „privaten“ Faschismus unter „kleinen“ Angestellten dar, der in den Menschen immer breitere Kreise zieht, die ersten Folgen, die Aufnahme der Judenverfolgungen, das faschistische Italien. Im Hintergrund steht die Frage, ob die „gewöhnliche“ Anständigkeit in Krisensituationen hinreichend ist. Die Bildungsreise der Sekretärin eines Rechtsanwaltsbüros, die ihre Einsamkeit in Italienischkursen und auf einer Reise vertreiben will, wird zu einer minutiös beschriebenen Reihe von Schwierigkeiten, kleinlichen Unpässlichkeiten und Enttäuschungen. Der Text bietet köstliche Kontrapunkte: die armseligen persönlichen Erlebnisse werden mit den grundlegenden tragischen Ereignissen der großen Geschichte jener Zeit konfrontiert, zudem ist die Fahrt nach Italien eine Art Parodie der klassischen italienischen Bildungsreise.

Die Erzählung Ruhe auf der Flucht, die Grab selbst für seine wichtigste hielt und in der er seine eigenen Erfahrungen von der Flucht verwerten konnte,  gestaltet den Exodus der jüdischen Emigranten aus der Tschechoslowakei, die – nach einer abenteuerlichen Flucht aus Frankreich in Lisabon angekommen – auf die Möglichkeit einer Weiterreise warten. Mit qualvoller Anschaulichkeit berichtet Grab von dem Kampf um Papiere, die den Emigranten irgendwo in der Welt ein Dasein gewähren könnten. Die unbeteiligte Schönheit und Ruhe der friedlichen, sich als Urlaubsort anbietenden Stadt bildet den Kontrapunkt zu der hektischen Jagd nach Dokumenten, die für manche Emigranten mit der letzten Ruhe, dem Tod, zu Ende geht.

In seiner Rezension des Stadtpark stellte  Klaus Mann die fatale Frage: Wie wird der Held das Leben bewältigen? Grab beantwortet sie indirekt in der Erzählung Hochzeit in Brooklyn – hier endet der Lebensweg des äußerlich geretteten, innerlich zerstörten Helden des Stadtpark oder der Mondnacht. Auf den Exodus folgt der Passionsweg des Prager Musikers Prof. Korn, der in nicht ganz 24 Stunden nach der Ankunft in New York, nachdem er an einer Hochzeit teilgenommen und von einem berühmten Musiker abgewiesen worden ist, auf eine gewaltsame Weise ums Leben gebracht wird. Der Tod kommt weder unerwartet noch unerwünscht, der innerlich tote Mensch, dessen Gefühle paradox zwischen der Freude über die Rettung und der Leere, in die er geraten ist, schwanken, verkörpert die untergegangene Welt, die Welt des Prager Stadtparks. Sein Tod erfolgt im Central Park, im Stadtpark New Yorks.

Außer der fragmentarischen Prosa Der Hausball, in dem triviale Ereignisse aus dem Leben „kleiner“ Leute, wie fast immer bei Grab, mit den tragischen Ereignissen der Weltgeschichte konfrontiert und psychologisch ausgewertet werden – der Hausball in einem reichen Hause und die Verhältnisse im KZ Theresienstadt –  hat Grab im Exil anscheinend einen umfangreicheren Romans ins Auge gefasst. Nach Theodor W. Adorno sollte es um die Geschichte des Aufstiegs einer jüdischen Bankiersfamilie und ihres Untergangs während des 2. Weltkriegs in Polen gehen. Sein Vorhaben konnte Grab nicht mehr realisieren.

In den 30er Jahren entstanden mehrere knappe Skizzen oder Erzählungen in der Art Kafkas, von denen die Mehrzahl verloren gegangen ist; Grab selbst schrieb an Ernst Schönwiese, er habe einige davon aus dem Gedächtnis rekonstruiert. Im regellosen Walten der Gespenster gestaltet die kleine Skizze Unordnung im Gespensterreich auf symbolische Weise den Zerfall der Werte. Der Taxichauffeur variiert das Gespensterthema – der Mensch des 20. Jahrhunderts ist der modernen Zivilisation ausgeliefert, um seine äußere und innere Ruhe gebracht und dem zermürbenden Zweifel an sich selbst ausgesetzt. Die Geschichte Der Mörder ironisiert die Naivität des Bürgers, der höflich und „human“, der Konsequenz seiner Einstellung bewusst (wie später Max Frischs Biedermann), den Verbrecher in seinem Haus aufnimmt. Das Gespräch des Toten ist eine Parabel, die im Reich der Toten die verlorene Heimat und in der Welt der Lebenden das Exilland schildert. In der Welt der Lebenden fühlt sich der Tote viel schlimmer – nämlich fremd, ohne Kommunikation, einsam, ihm fehlen die im Totenreich üblichen „ärgsten Verwirrungen“, das Hektische, Chaotische, Laute. Die geschichtlichen Ereignisse haben diese Texte um eine neue Dimension erweitert, so dass sie fast prophetisch anmuten; es ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass Grab sie aktualisierte. Das scheint vor allem für das Gespräch des Toten zu gelten, denn als grausam, unmenschlich und erschreckend bezeichnete Grab in einem Brief an Hans Heinz Stuckenschmidt den amerikanischen „Geist der Perfektion“ (Cramer 1994). (Lucy Topol´ská)