Egon Erwin Kisch

Biographie

29. April 1885 Prag
† 31. März 1948 Prag


Die kürzeste Verbindung zwischen den Zentren des tschechischen und des deutschen Prags, dem Wenzelsplatz und dem Altstädter Ring, führt durch die Melantrichgasse. Nachdem es den Juden 1848 erlaubt wurde, das Ghetto zu verlassen, erwarb Kischs Großvater 1866 das hier gelegene „Bärenhaus“, benannt nach den Bären-Reliefs des Renaissance-Portals. Hier betrieb sein wohlhabender und kunstfördernder, bereits 1901 verstorbener Vater Hermann Kisch ein Tuchgeschäft, seine Frau Ernestine gebar ihm fünf Söhne. Egon Kisch (Erwin war seine eigene Erfindung) wurde als zweiter am 29. April 1885 geboren (sein älterer Bruder Paul schrieb in der Zwischenkriegszeit für die Neue Freie Presse), bis zum zehnten Lebensjahr erfolgte der Besuch einer Klosterschule, von 1896 bis zur Matura am 8. Juli 1903 der in der Nikolander Realschule. Wie unter der bildungsbürgerlichen Jugend üblich, focht der noch konservativ Gesinnte in der Burschenschaft „Saxonia“ manche Mensur, wovon er sich aber sehr bald distanzierte. Bereits 1898 hatte der begeisterte Fußballer zu den Gründern des Klubs „Sturm“ gehört, dem er 15 Jahre lang angehörte. Auf die Immatrikulation an der Technischen Universität im Oktober 1903 folgte für ein Jahr der Besuch von Vorlesungen in Geschichte und Philosophie, doch der 1905 absolvierte Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger schien mehr „Action“ zu versprechen als die Universität. Anschließend folgte eine Übersiedlung nach Berlin, um für ein Semester die Kurse der Journalistenschule Richard Wredes zu frequentieren, doch die „preußische“ Atmosphäre stieß ihn ab. 1906 verdingte sich der Jungjournalist für kurze Zeit als Volontär beim Prager Tagblatt, bis ihn das Konkurrenzblatt, die deutsch-nationale Bohemia, verpflichtete. Lange Jahre arbeitete er hier als Redakteur und Lokalreporter, ab 1910 avancierte Kisch zum Autor der namentlich gezeichneten Feuilletonreihe Prager Streifzüge. Nach seinen literarischen Erstlingswerken Vom Blütenzweig der Jugend, ein Lyrikband im Selbstverlag erschienen und später von ihm wieder eingezogen, und Der freche Franz und andere Geschichten konnte Kisch mit seinen Feuilletonsammlungen Aus Prager Gassen und Nächten und Prager Kinder erstmals lokale Berühmtheit verbuchen, die er im Nachtleben der Prager Bohème auslebte. Zu seinen engsten Freunden gehörte damals Jaroslaw Hašek.
    Nach seiner Beteiligung an der Aufdeckung der Spionageaffäre Redl kündigte Kisch bei der Bohemia und wagte den Sprung nach Berlin, wo er als Autor seines einzigen Romans Der Mädchenhirt im Café des Westens kurzfristig für Furore sorgte. Der Erste Weltkrieg beendete diese hoffnungsvolle Karriere, mit seinem Prager Stammregiment kämpfe er als Unteroffizier zuerst an der serbischen, danach bis zu einer schweren Verwundung im März 1915 an der russischen Front. Im Mai 1917 erfolgte die Abkommandierung nach Wien ins Kriegspressequartier. Der „Heldentod“ seines Bruders Wolfgang und die Korruption der Kriegstreiber hatten Kisch radikalisiert: im November 1918 war er mit Franz Werfel führend an der Gründung einer Roten Garde beteiligt, was ihn zum Ziel einer üblen Pressekampagne machte. Von 1921 bis 1924 lebte er in Prag, seine Burlesken aus dieser Zeit wie Die gestohlene Stadt und Die Himmelfahrt der Galgentoni wurden von Artur und Xenia Longen inszeniert. Mit der Herausgabe des Buches Klassischer Journalismus gelang ein noch heute vielfach gelesener Klassiker des Pressegenres. Sein Buch über die Spionageaffäre Redl festigte seinen Ruf als Sensationsreporter. Vordergründig nütze er diesen auch im Titel seines Bestsellers Der rasende Reporter, doch dahinter stand ein penibler Rechercheur und feinfühliger Stilist, der soziale Schicksale gestaltete. Noch während des Krieges hatte Kisch in den Essays Dogma von der Unfehlbarkeit der Presse und Vom Wesen des Reporters mit der journalistischen Vergangenheit abgerechnet. In der literarischen Polemik Roman? Nein, Reportage! begründete er 1929 erneut seine Abkehr von der ihm als überholt erscheinenden Form des psychologischen Romans. Kisch schuf mit der literarischen Reportage sein ihm eigenes Genre, als dessen Merkmale die Präsenz des Autors im Text, der dialogische Aufbau mit dialektischer Intention, die scharfen Pointen und der Anspruch, ein anklägerisches Kunstwerk darzustellen, spezifiziert werden können.
    Mit Hetzjagd durch die Zeit, Wagnisse in aller Welt und Kriminalistisches Reisebuch  wurde der Erfolg prolongiert, die Titel blieben den Mythos fördernd immer reißerisch und spiegelten zugleich die bohemienartige, fast schon nomadische Lebensweise ihres Autors wider. Die Schauplätze und Zeitpunkte der Reportage-Handlungen variierten stark, ältere Texte wurden überarbeitet, historische Stoffe entdeckt und immer wieder die Erlebnisse und Erkenntnisse der letzten Reise eingearbeitet worden. Besucht wurden nicht nur Repräsentanten aller Berufe und Völker der bereisten Länder in Europa und Nordafrika, sondern auch geschichtsträchtige Bauwerke, wie Festungen, Forschungsinstitute, Fabriken oder  Privathäuser, um an die Schicksale der Insassen zu erinnern. Man kann es soziale, historische, oder auch Reise-Reportage nennen. Ihre Wurzeln liegen in Bänkelsang, Ballade, Spielmannsepik, Kaufmannsbrief und Novelle, bei Tagebuch und Interview, bei Satire und Kabarett, deren Elemente Verwendung finden. Doch vor allem liegen sie in den Reiseberichten von Johann Georg Forster, Johann Gottfried Seume, Ludwig Börne, Heinrich Heine und Georg Weerth. Diese trugen dazu bei, Mißverständnisse  und Vorurteile nationaler Natur  abzubauen, Mißstände in der Heimat anzuprangern, ohne sie beim Namen zu nennen, indem sie die Fortschrittlichkeit der Fremde pointiert hervorheben. Kischs Texte erschienen in Literatur-Zeitschriften sowie in den Feuilleton-Spalten der bürgerlichen wie der kommunistischen Presse. Den Zenit seiner literarischen Entwicklung bildet die Weiterentwicklung des Genres zur „Reportagen-Sammlung“. Erste Schritte wurden 1927 mit dem Besuch der westeuropäischen Sowjetunion und dem daraus resultierenden Buch Zaren, Popen, Bolschewiken gesetzt, doch hier hat der Autor noch Schwierigkeiten, ökonomische Daten ohne Reibungsverlust in Literatur zu gießen. Den ersten Höhepunkt des neuen Genres brachte 1930 Paradies Amerika. Von Moskau aus bereiste Kisch Anfang der 1930er Jahre sie zentralasiatischen Sowjetrepubliken sowie China und Japan. Die Bücher Asien, gründlich verändert  und China geheim überzeugen literarisch, wenn auch die Darstellung der sowjetischen Wirklichkeit heute weit differenzierter gesehen werden muss. Landung in Australien entstand eher zufällig, doch die darin aufgearbeitete Lebensepisode, der Sprung vom Schiff auf den Fünften Kontinent, verlangte nach literarischer Gestaltung. Erst für Entdeckungen in Mexiko gab es wieder mehr äußere Ruhe, es bleibt des Autors reifstes Buch. Die Forderung nach dichterischen Gestaltung einer sozialen Erkenntnis war sein Credo. Im Vergleich zu den Büchern vor 1927 ist in der „Reportagen-Sammlung“ die Integration der Reportagen im Zyklus derart komplementär angelegt, dass sie alle entscheidenden Lebensbereiche einer Gesellschaft abdecken: Justiz und Strafvollzug, Manufaktur, Gewerbe und industrielle Produktion, Handel und Sozialstruktur, Kultur und Sport, Geschichte und Politik.
    Nach dem Erfolg des Buches Der rasende Reporter wechselte Kisch 1925 von er KPÖ zur KPD, doch mit ihren Kulturdirektiven konnte er sich nicht identifizieren. Weder huldigte er ihren wechselnden Führern, noch verwendete er die Phrasen ihrer jeweiligen Propaganda. Er war niemals das, was man einen Parteischriftsteller nennt, denn seine neue kulturelle Sozialisation erhielt er in linksbürgerlichen Gruppierungen. Der aufstrebende Autor fand Anschluss an den „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ und die „Gruppe 1925“ um Alfred Döblin, zur Zeitschrift Das Tagebuch um Stefan Großmann und schließlich zur Weltbühne um Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky. In ihrer Mitte fand Kisch Gleichgesinnte für eine „Litterature engagée“. Er war überall dabei, wo sich Künstler, Gelehrte und andere Intellektuelle vereinigten, um publizistisch und bei Versammlungen gegen den Militarismus sowie gegen die Willkür von Polizei, Justiz und Verwaltung aufzutreten. Im „Romanischen Café“ hatte der Weltreisende seinen Stammsitz und wurde dort zum Idol einer ganzen Generation von jungen Intellektuellen, die begeistert seinen Anekdoten und Erzählungen lauschten. 1928 gehörte Kisch zu den Gründungsmitgliedern im „Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller“ und versuchte, in den Statuten für bürgerliche Autoren ein Mitgliedsrecht zu verankern, was aber am Widerstand der Gruppe um Johannes R. Becher scheiterte. Seinen größten Erfolg errang Kisch ebenfalls 1928 mit der Enthaftung des zu Unrecht wegen Mordes einsitzenden Revolutionärs Max Hölz. Kischs Wirken für die kommunistische Bewegung kann nur in Verbindung mit Willy Münzenberg erklärt werden. Kisch war Münzenbergs Mann, um Kontakte zu Schriftstellern herzustellen. Es ist sehr wahrscheinlich, daß seine Begegnungen mit Maxim Gorki sowie mit Upton Sinclair und Charlie Chaplin auf diese Weise zustande kamen. Die Erstausgaben von Kischs Büchern erschienen bei bürgerlichen Verlagen wie Erich Reiss in Berlin und nach 1933 Allert de Lange in Amsterdam, etliche davon wurden noch im selben Jahr in den Münzenberg-Verlagen „Universum-Bücherei“ bzw. „Éditions du Carrefour“ dem proletarischen Publikum nahegebracht.
    1933 wurde Kisch in der Nacht nach dem Reichstagsbrand von den Nazis in Berlin verhaftet, doch aufgrund seiner tschechoslowakischen Staatsbürgerschaft bald wieder frei gelassen. Von Münzeberg nach Paris beordert, wurde er zu einer führenden Persönlichkeit des antifaschistischen Widerstandes. Die Internationalen Schriftsteller-Kongresse zur Verteidigung der Kultur 1935 in Paris und 1937 in Valencia sahen ihn als gefeierten Delegierten. In Geschichten aus sieben Ghettos setzte er sich mit dem Judentum auseinander. 1934/35 reiste Kisch zur antifaschistischen Agitation nach Australien: Weil ihm die Einreise verboten wurde, sprang er kurzerhand vom Schiff, brach sich ein Bein und erreichte nach zahlreichen Prozessen landesweiten Bekanntheit. 1937/38 unterstütze die „Stimmungskanone“ Kisch moralisch die in Spanien kämpfenden Internationalen Brigaden. Doch Stalins Abkehr von der Einheitsfrontpolitik und die Moskauer Prozesse erschütterten sein Weltbild, ohne dass er die Kraft fand, sich davon zu lösen. Dennoch erinnern sich spätere „Renegaten“ wie Arthur Koestler und Manès Sperber in ihren Autobiographien voller Sympathie an die Zeit mit Kisch vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Paris. Ende 1940 gelang ihm die Flucht nach New York, doch da sein Visum nicht verlängert wurde, ging seine Exil-Odyssee ein Jahr später weiter nach Mexiko. Hier avancierte er einmal mehr zur Gallionsfigur der deutschsprachigen Exilszene, er gehörte zu den Begründer des Heinrich Heine Klubs und verfasste zahlreiche Beiträge für die Zeitschrift Freies Deutschland. Seine hier erschienene Autobiographie Marktplatz der Sensationen behandelt nur die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. In Prag wurde ihm bei seiner Rückkehr im Mai 1948 ein großer Empfang bereitet, doch als deutschsprachiger Dichter konnte er in der nationalistisch aufgeheizten Stimmung der Nachkriegszeit nicht mehr heimisch werden. Sein letztes Buchprojekt war eine erweitere Fassung der Geschichten aus sieben Ghettos, doch für diese Thematik war damals kein Verlag zu gewinnen. Nach einem zweiten Schlaganfall verstarb Egon Erwin Kisch am 31. März 1948, die neue kommunistische Regierung bereitete ihm ein Staatsbegräbnis mit Trauerzug über den Graben auf den Wenzelsplatz.
    Kischs gegenwärtige Rezeption ist zwiespältig: Bis heute blendet der Mythos vom „rasenden Reporter“ die Erwartungshaltung des Publikums. Seine Bücher zeichnen sich durch überragende Stilistik, virtuoses Spiel mit literarischen Formen, eine spielerische Selbststilisierung des Autors und bleibenden kulturgeschichtlichen Wert aus. So schreibt er im Marktplatz der Sensationen fast schon resignierend: „Oft rieten mir Freunde und Kritiker, mich nicht selbst einen Reporter und meine Produkte nicht Reportage zu nennen, nicht zu betonen, daß meine Stoffe mit wirklichen Ereignissen übereinstimmen. ‚Lassen Sie doch Daten und Namen weg, und schrieben Sie als Untertitel „Novelle“ hin. Dann werden Sie literarisch beurteilt werden, als Mann von Phantasie.’
‚Von Phantasie!’ Bedarf die Gestaltung der Wahrheit keiner Phantasie? Es ist wahr, die Phantasie darf sich hier nicht entfalten, wie sie lustig ist, nur der schmale Steg zwischen Tatsache und Tatsache ist zum Tanze freigegeben, und ihre Bewegungen müssen mit den Tatsachen in rhythmischem Einklang stehen. Und selbst diesen beschränkten Tanzboden hat die Phantasie nicht für sich allein. Mit einem ganzen Corps de ballet von Kunstformen muß sie sich im Reigen drehen, auf daß der sprödeste Stoff, die Wirklichkeit, in nichts nachgebe dem elastischen Stoff, der Lüge.“
    Noch komplexer ist seine politische Rezeption: Zur Zeit des „Eisernen Vorhangs“ wurde er in Ostdeutschland als beispielgebend und in Westdeutschland als transitorisch bis anachronistisch bewertet. Nach dem Fall des Kommunismus wurde mit einer Neuausgabe seiner Gesammelten Werke eine Renaissance jenseits ideologischer Scheuklappen des Kalten Kriegs eingeläutet. Umso mehr erstaunt es, dass der 2006 von Henri Nannen begründete Egon Erwin Kisch-Preis der Illustrierten Stern für die beste Reportage des Jahres auf seinen Stifter umbenannt wurde - einen Mann mit SS-Vergangenheit, weil man meinte, dass ein Kommunist kein Vorbild mehr sein könne. Wie es um den festen Platz des Kommunisten, Juden und Deutschen in der tschechischen Geschichte bestellt ist, wird sich erst zeigen.
    Egon Erwin Kisch bleibt der Paradefall einer Generation von kommunistischen Intellektuellen jüdischer Herkunft, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den allzuengen Ghettomauern ihrer Väter in die Weiten des Internationalismus entfliehen wollte, die aber fatalerweise ihre persönlichen, humanistischen Ziele auch für die Ziele Moskaus hielten. Sie brachen nicht mit ihrer Organisation, in der Hoffnung, dass nach der Periode der Generäle wieder ihre Stunde schlagen würde. (Marcus G. Patka)