Leopold Kompert

Biographie

* 15. Mai 1822 Münchengrätz (Mnichovo Hradištĕ)
+ 23. November 1886 Wien


Grabstätte:
Wien, Zentralfriedhof: I. Tor Gruppe 6, Reihe 1, Nr. 2

Wie sein Jugendfreund Moritz Hartmann und sein späterer Förderer Ludwig August Frankl wurde Leopold Kompert in einer ländlichen Judengasse geboren. Er war der zweite Sohn von fünf Kindern des Wollhändlers und Mautpächters Josef Kompert und dessen Frau Susana, deren Vater Moises Künstler (1746-1835) wegen seiner Tätigkeit als Schulsinger, Rabbiner und Schächter zu den weithin geachteten Persönlichkeiten zählte. Der körperlich zarte Junge wuchs in unmittelbarer Nachbarschaft von Synagoge und Armenherberge heran und wurde von der dreifachen Ausgrenzung – religiös, sprachlich, rechtlich – gegenüber der hauptsächlich tschechischsprachigen Umwelt und der extremen räumlichen Enge innerhalb des jüdischen Wohnbezirks, einer Art Treibhausklima, entscheidend geprägt. Leopold erlebte diesen Mikrokosmos mit seinen strengen religiösen Gesetzen, der Armut und den sozialen Problemen aufgrund eines engmaschigen Netzes staatlicher Reglementierung als ein durch den väterlichen Wohlstand im Vergleich zu den „Dorfgehern“ und „Schnorrern“ privilegiertes Gemeindemitglied. Botengänge mit dem Großvater führten ihn zu den „Randaren“ auf den umliegenden Dörfern, Gastwirten mit Branntweinlizenz, die bei den tschechischen Bauern gleichermaßen beliebt wie gehaßt waren.

Neben der talmudischen Erziehung genoß der Knabe auch den von Joseph II. im Zuge der Toleranzgesetzgebung ab 1781 eingeführten deutschen Elementarunterricht, der die Basis für den Besuch des Jungbunzlauer Piaristen-Gymnasiums (1832-1835) und ein anschließendes Medizinstudium bildete. Da noch bis 1848 das diskriminierende Familiantengesetz galt, nach dem nur der erstgeborene Sohn eines Juden eine Familie gründen durfte, setzte die Mutter durch, daß ihren beiden Söhnen die Ausbildung finanziert wurde, um ihnen als Akademikern die Heiratserlaubnis zu verschaffen. Aufgrund des Niedergangs des regionalen Wollhandels verarmte der Vater jedoch und die Söhne waren ab 1837 auf sich selbst gestellt. Leopold besuchte fortan das Neustädter-Gymnasium in Prag, um sich den Lebensunterhalt durch Nachhilfestunden zu verdienen. Nach dem philosophischen Jahr an der Karlsuniversität wagte er 1839 den Sprung nach Wien und nahm dort eine Hauslehrerstelle bei einem begüterten Glaubensgenossen an, die mit einer unbefristeten Aufenthaltsgenehmigung verbunden war.

Den seit der Kindheit zusammen mit Hartmann und Isidor Heller (1816-1879) literarisch Dilettierenden brachte eine Sommerreise nach Ungarn 1840/41 in Kontakt mit Adolf Neustadt, dem Herausgeber der Pannonia, der belletristischen Beilage der Preßburger Zeitung; dieser veröffentlichte Komperts noch ganz unter dem Einfluß des Jungen Deutschland stehenden Reisebilder und empfahl ihn auch L. A. Frankl, der die Sonntagsblätter in Wien edierte. Von solchen Anfangserfolgen ermutigt, versuchte der junge Autor sich mit journalistischen Beiträgen in Preßburger Literatenkreisen zu etablieren.

Während einer längeren Hauslehrertätigkeit als Erzieher des Grafen Dionys v. Andrássy (1835-1913) in Rosenau/Ungarn, fern von der deutschen oder gar jüdischen Sprachheimat, fand Kompert zu seinem eigentlichen Sujet, mit dem er im Gefolge der Ghettoschilderungen von B. Auerbach, H. Heine, H. Schiff und J. Kaufmann für das Genre bahnbrechend war und buchstäblich Schule machen sollte. Später stilisierte er das Bekanntwerden mit Josef Ranks Geschichten Aus dem Böhmerwald (1843) und dem Band Jeschurun. Taschenbuch für Schilderungen und Anklänge aus dem Leben der Juden (1841) im Verein mit dem Heimweh nach Münchengrätz zum Initiationsmoment seiner Dichtung. In rascher Folge entstanden die ersten Versuche mit genuin jüdischer Thematik. Von Neustadt und Frankl wohlwollend begleitet, ging Kompert gezielt daran, Erlebtes, Gehörtes und schriftlich Berichtetes mit religiösem und ethnographischem Wissen zum besseren Verständnis für nichtjüdische Leser  erzählerisch auszugestalten, und begründete die populäre kulturhistorische Ghettogeschichte im deutschsprachigen Raum. Der Austausch mit dem dänischen Autor Meir Goldschmidt (1819-1887), der 1845 den Roman Ein Jude veröffentlicht hatte und den er ein Jahr später kennenlernte, bestätigte ihn in der eingeschlagenen Richtung zusätzlich.

Das Erscheinen von bislang einzeln publizierten Texten, die in Preßburg bzw. Münchengrätz spielen, unter dem Titel Aus dem Ghetto (1848) erregte die Aufmerksamkeit von Ludwig Philippson (Allgemeine Zeitung des Judentums) und Ferdinand Kürnberger (Sonntagsblätter) und verhalf Kompert nicht nur zu einem überregionalen Leserkreis, sondern stellte ihn neben so renommierte Autoren wie Berthold Auerbach (Schwarzwälder Dorfgeschichten 1842) und Jeremias Gotthelf – fortan die einzigen literarischen Vorbilder, die er selbst für sich gelten lassen wollte. Die Einordnung der Ghettogeschichte in die damals beliebte Dorfgeschichte, mit der sie den regionalen Fokus gemeinsam hat, wurde für ihre Rezeption richtungsweisend. In jüngster Zeit wird allerdings im Blick auf eine Gesamtbetrachtung des Genres mit dem Begriff der „Hybridität“ (Horch/Glasenapp 2005) stärker dessen Gattungsvielfalt und Eigenart betont.

Kompert propagierte mit seinen, die Zustände im Ghetto sentimentalisch idealisierenden Texten, entgegen späterer Lesart, nicht nostalgisch eine Rückkehr in die voremanzipatorische Zeit. Vielmehr zeigt er mit der Betonung der tragischen Züge jüdischen Schicksals zwar die kulturelle Differenz, hebt sie jedoch u. a. durch die Rückprojektion bürgerlicher Tugenden zugleich ins Universelle. Kürnbergers Deutung der Beschränkung auf jüdische Protagonisten der untersten Schicht als ein Symptom für das Erstarken des demokratischen Elements trifft allerdings nicht die Überzeugung des Autors. Denn obwohl der Fünfundzwanzigjährige, der 1847 sein Medizinstudium in Wien wieder aufnahm, bestürzt über judenfeindliche Ausschreitungen im Mai 1848 in der ersten jüdischen Zeitung, dem Oesterreichischen Central-Organ, einen Auswanderungsappell („Auf nach Amerika!“) verfaßte und von 1848-1852 im politischen Ressort des Oesterreichischen Lloyd tätig war, blieb er zeitlebens einer kaisertreuen, konservativen Haltung verpflichtet.
 

In der Tradition nachklassischer Poetik, die im Individuellen das Allgemein-Menschliche suchte, schildert Kompert dezidiert nicht einen ‚Nationalcharakter’ der Juden, sondern gleichsam unbeachtet gebliebene Facetten menschlichen Handelns und Fühlens. Dabei waren die intime Kenntnis jüdischer Realien und die Fülle authentischer Informationen maßgeblich für seine lang anhaltende Beliebtheit. Überzeugt davon, dass nichtjüdische Leser sukzessive ihre Vorurteile ablegen würden, trat er für eine langsame, aber stetig fortschreitende Emanzipation ein und war schon aufgrund seines konzilianten Wesens ein Gegner revolutionärer Ideen.

Nach Jahren als Erzieher der Kinder des preußischen Generalkonsuls v. Goldschmidt (1852-1857), Beamter der Österreichischen Creditanstalt (1857-1862) und Theaterkritiker bei dem zur Constitutionellen Oesterreichischen Zeitung umbenannten Oesterreichischen Lloyd (1861-63) konnte sich Kompert 1857 durch die Heirat mit der vermögenden Witwe Marie Pollak (geb. Levi bzw. Löwy) zunehmend finanziell unabhängig machen. Ab 1863 bekleidete er neben seiner Funktion als Mitdirektor einer Bank nur noch Ehrenämter.

Die bisher geübte Praxis, die Ghettoerzählungen zuerst als Fortsetzungen in Zeitungen und einzeln in jüdischen Jahrbüchern zu veröffentlichen, setzte Kompert fort und etablierte sich als gefragter Novellist und Publizist der Wiener Lokalpresse. Als solcher gehörte er auch ab 1859 dem Presseclub „Concordia“ an, übernahm 1860 die Herausgebertätigkeit für das Jahrbuch für Israeliten und begründete schließlich 1861 mit Simon Szántó die jüdische Wochenschrift Die Neuzeit. In Nummer 8 findet sich, was man auch Komperts säkulares Credo nennen könnte: „Amalgation in Allem, was Umgang, Gesittung, Cultur, allgemein Menschliches betrifft – Separation dagegen, Pflege der Sonderinteressen, so weit sie den inneren Beruf des jüdischen Volkes und Glaubens anbelangen.“ Seine wachsende gesellschaftliche Bedeutung spiegelt sich in Auszeichnungen und Ämtern auf Gemeinde- und Landesebene wider: Kompert erhielt den Ehrendoktor der Universität Jena, war Mitbegründer und Vorstandsmitglied der Wiener Sektion der Schillerstiftung und später auch ihr Präsident, wurde bei der Enthüllung des Goethe-Schiller-Denkmals in Weimar dem Großherzog Carl Alexander vorgestellt, dem er 1865 die Geschichten einer Gasse widmete, und konnte sich überhaupt eines großen adeligen Leserkreises im deutschsprachigen Raum erfreuen. 1868 erhielt er für seine kulturellen Verdienste den Franz-Joseph-Orden. Betraut mit der Schulaufsicht innerhalb der israelitischen Kultusgemeinde wurde er bald zum Regierungsrat, 1870 zum Bezirksschulrat der Stadt Wien ernannt und saß von 1873 bis 1881 im städtischen Gemeinderat. 1876 bekam er das Amt des Landesschulrats für Niederösterreich angeboten, das er bis zu einem zweiten Schlaganfall im April 1884, der ihn ans Bett fesselte, innehatte.

Zu seinem 40jährigen Schriftstellerjubiläum, das Freunde ihm am 60. Geburtstag ausrichten, ist Kompert Mittelpunkt eines Kreises von Literaten aus dem europäischen Ausland – seine ausgedehnte Korrespondenz, bisher nur zum Teil und verstreut publiziert, harrt noch der wissenschaftlichen Aufarbeitung - und jüngerer Kollegen aus anderen Kronländern wie Eduard Kulke und Karl Emil Franzos, die ihn als Mentor verehren und in ihrem eigenen Schaffen, imitierend oder radikalisierend, auf ihn Bezug nehmen. Äußere Zeichen der Achtung auch des konservativ-liberalen Teils der nichtjüdischen Öffentlichkeit sind die Verleihung des Wiener Bürgerrechts und des Titels Regierungsrat durch den Kaiser. Zwei Jahre nach seinem Tod wird überdies eine Gasse im V. Stadtbezirk Margarethen nach Kompert benannt.

Was sich auf den ersten Blick wie eine Aufstiegsbiographie liest und exemplarisch für eine scheinbar geglückte Akkulturierung steht, offenbart bei näherem Hinsehen gleichwohl Risse: Komperts Neigung zur Harmonisierung, die ganz im Dienste seines pädagogischen Impetus stand, bestimmte auch sein eigenes Leben. Doch vor öffentlichen Angriffen blieb er nicht verschont: In einem von der judenfeindlichen Wiener Kirchenzeitung angestrengten Prozeß gegen einen Aufsatz des Breslauer Professors Heinrich Graetz im Jahrbuch für Israeliten auf das Jahr 5624 wurde Kompert als dessen Herausgeber am 30. Dezember 1863 der „Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Religionsgesellschaft“ und „des Vergehens der unterlassenen Aufmerksamkeit“ (Die Neuzeit, 1864) angeklagt. Bezeichnenderweise bediente sich sein Verteidiger eines literarischen Unschuldsbeweises und griff eine Szene aus der Novelle Eine Verlorene (1850) auf, in der ein Jude einen tschechischen Bauern von der Beschädigung einer Nepomukstatue abhält. Das Gerichtsurteil ist dennoch symptomatisch für die heraufkommende 'neue Zeit': Zwar wird die Anklage teilweise fallengelassen, aber Kompert muß ein Bußgeld zahlen und die Restauflage des Jahrbuchs vernichten. Aufmerksamen Zeitgenossen wie dem Herausgeber der Allgemeinen Zeitung des Judentums (1864) entging dabei nicht, daß hier mehr verhandelt wurde als die strittige theologische Frage nach einem persönlichen Messias. Zudem löste der Prozeß in den österreichischen Kultusgemeinden einen monatelangen Streit über das eine Judentum aus.

Jahre später, anläßlich des Erscheinens der Gesammelten Schriften - der Ausgabe letzter Hand, die der Autor mit Hilfe von Karl Emil Franzos erstellte -  resümiert Gerson Wolf in derselben Zeitung (1883): „Kompert schrieb seine Werke zu einer Zeit, da es noch keinen Antisemitismus gab [....] und man durfte sich der Hoffnung hingeben, daß [die Vorurteile] bei weiterschreitender Civilisation und zunehmender Bildung bald verschwunden sein werden. [...] Zur Zeit aber als die Gesammtausgabe erschien, stand und leider stehet der Antisemitismus in voller Blüthe.“ Gegen Ende seines Lebens konnte sich der kranke Ghettoschriftsteller der Tatsache nicht verschließen, daß sein Vertrauen in die Deutschen und ihre Humanität enttäuscht worden war.

Komperts Schaffen läßt sich in drei Phasen einteilen: von den frühesten, noch in der Tradition Heines, Saphirs und Lenaus stehenden schriftstellerischen Versuchen mit der ersten Buchveröffentlichung Aus dem Ghetto (1848) über die Phase der Etablierung im literarischen Leben Österreichs mit den Erzählbänden Böhmische Juden (1851) und der Großnovelle Am Pflug (1855) bis hin zur - vordergründigen - Konsolidierung im deutschsprachigen Kulturbetrieb mit Neue Geschichten aus dem Ghetto (1860), Geschichten einer Gasse (1865) und Zwischen Ruinen (1875).

Seine schriftstellerische Laufbahn begann Kompert mit dem Vorsatz, nur das schildern zu wollen, was er kennt. Diese Selbstverpflichtung zur Realitätsnähe wird begleitet von einer aus dem Vormärz übernommenen biedermeierlichen Vorliebe für die Miniaturmalerei. Mit der Beschränkung auf das Kleine nimmt Kompert aber auch Bezug auf die Besonderheit der jüdischen Lebensform, wie sie seit dem Mittelalter in der räumlichen Abgrenzung der Gemeinschaft und der habituellen Kennzeichnung jedes einzelnen zum Ausdruck kam. Die beständige Unterdrückung einer natürlichen Entfaltung mußte nach Jahrhunderten einen jüdischen Phänotyp hervorbringen, der sich stark von seinem christlichen Pendant unterschied. Erst im Zuge der Haskala, der jüdischen Aufklärung, mit Moses Mendelssohn (1729-1786) an der Spitze, war ein geistiger Anschluß an die Umgebung wieder möglich. Bald wurde sichtbar, daß sich das Ghetto als Lebensform überholt hatte; die Menschen jedoch, die darin aufgewachsen waren, liefen Gefahr, mit der Freizügigkeit ihre gewachsene Identität zu verlieren. Auf diesem Hintergrund fühlte sich Kompert dazu berufen, literarisch festzuhalten, was die „Gasse“ an Gutem und Bewahrenswertem barg. So imaginierte er jüdische Gemeinschaft aus der Vergangenheit neu und verstand sich selbst als religiöser Dichter.
 
Obwohl Friedrich Hebbel, der ihn in einem satirischen Text auf die „Dichter des Details“ - einem Epitheton, das Gustav Freytag schon 1849 für Kompert fand - unter der Überschrift Die alten Naturdichter und die neuen in eine Reihe mit Brockes, Geßner und Stifter [Untertitel ab 1851] gestellt hatte, dies auf die Nachfrage Kulkes „im Blick auf Kompert als Mißverständis“ (1865) einräumte, wurde die Schmähung nie ausdrücklich zurückgenommen. Tatsächlich trifft der Dramatiker in einem Punkt ins Schwarze: Wenn auch Kompert nicht als Naturdichter apostrophiert werden kann, so hat er mit den genannten Autoren doch die Fähigkeit gemeinsam, „das Kleine vortrefflich“ zu schildern. Als Bewahrer „culturhistorischer Momente“ (Philippson 1855) und „jüdischer Geschichtsschreiber“ (Müller 1888) erstellte er „die umfassendste psychische Studie des Judentums“ (Honegger 1883) und ergänzte die Statistiken und Chroniken jüdischer Lebenswirklichkeit durch fiktive Charaktere und Szenen, „welche der Natur sprechend ähnlich sind, so daß sie einem förmlich bekannt vorkommen und man glaubt, sie bereits gesehen zu haben“ (Wolf 1883). Den Texten der Hauptschaffensphase wohnt überdies ein antizipatorisches Moment inne; so, wenn Kompert in dem Verbot des Grundbesitzes für Juden die Ursache sozialer und psychischer Deformation sieht und in Am Pflug (1855) gleichsam die Grundidee Theodor Herzls bzw. die spätere Besiedelung Palästinas präludiert. Schreibend reagiert er auf im Zuge der Emanzipation erfolgende Erleichterungen wie die Erlaubnis zur sog. Noth-Civil-Ehe zwischen Juden und Christen (Zwischen Ruinen).

Das Genre der Ghettoliteratur wirkt bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts hinein. Noch Stefan Zweig und Josef Roth stehen in seiner Tradition. Kompert selbst behauptet lange einen festen Platz in den Literaturgeschichten, sein Werk ist Gegenstand von Vorträgen und wird besonders als Jugendlektüre empfohlen; eine eingehende Beschäftigung bleibt jedoch zunehmend jüdischer Pietät oder gar Nostalgie vorbehalten. Nach der Jahrhundertwende stellen sowohl Stefan Hock (1906) als auch Paul Amann (1907) das Vergessensein des Autors fest. Noch bis in die 30er Jahre findet aber von antisemitischen Vertretern der Germanistik wie Josef Nadler und Wilhelm Stoffers eine, wenn auch rein abwertende Auseinandersetzung mit dem Autor und seinem nun kaum mehr nachvollziehbaren Erfolg statt.

Von einzelnen Überblickdarstellungen abgesehen, setzt ein erneutes Forschungsinteresse erst in den 70er Jahren im angloamerikanischen Raum ein, um ab Anfang der 80er Jahre auch in Österreich und Deutschland wieder an Boden zu gewinnen. Doch Komperts Ghettogeschichten selbst erschienen seither nur in Auswahl und kleiner Auflage. Derzeit sind einzig im Onlineprojekt Gutenberg-Spiegel acht Texte aus der ersten und zweiten Schaffensperiode zugänglich (Stand: März 2008). Eine Neuausgabe der Werke wäre aber auch deshalb wünschenswert, weil sich in diesen Erzählungen die exotische Lebenswelt böhmischer Juden vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die 80er Jahre des 19. Jahrhunderts einschließlich der Spuren des Westjiddischen erhalten hat, wie in keinem anderen Oeuvre dieser Epoche.

Als Beispiel für eine Form der Minderheitenliteratur und der versuchten Bewältigung einer religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Krise historischen Ausmaßes gewinnen die Texte gerade in jüngster Zeit, in der eine atavistisch anmutende Furcht vor Parallelgesellschaften um sich greift, wieder an Bedeutung; bezeugen sie doch eine multiple kulturelle Identität, wie sie zu den Bedingungen einer offenen, pluralistischen Gesellschaft gehört. (M. Theresia Wittemann)