Perutz, Leo(pold)

Biographie

* 2. November 1882 Prag

† 25. August 1957 Bad Ischl

Grabstätte Bad Ischl, Friedhof, Grazerstraße


P. wuchs als ältestes von vier Kindern des jüdischen Textilfabrikanten Benedikt P. und seiner Frau Emilie (geb. Österreicher) in Prag auf. 1888 bis 1899 besuchte P. die Volksschule des Piaristen-Ordens und das k. k. deutsche Staatsgymnasium in Prag-Neustadt, danach das k. k. Staatsgymnasium in Krumau. 1901 zog die Familie nach Wien, wo P. bis 1902 das k. k. Erzherzog-Rainer-Real-Gymnasium besuchte, das er ohne Matura verließ. Die Militärzeit verbrachte P. als Einjährig-Freiwilliger bis zur krankheitsbedingten vorzeitigen Entlassung im Dezember 1904 wieder in Prag; danach belegte er als Gasthörer mathematische und volkswirtschaftliche Lehrveranstaltungen in Wien und absolvierte eine Ausbildung zum Versicherungsmathematiker. In dieser Funktion arbeitete er seit Oktober 1907 zunächst in Triest (bei Assicurazioni Generali, in deren Prager Filiale im selben Monat Franz Kafka eintrat), von 1908 bis 1923 in Wien bei der Anker-Versicherung. Aus dieser Zeit resultieren mehrere Fachpublikationen, darunter die „P.sche Ausgleichsformel“ (1911).

Mit dem Prager Schulfreund Richard Arnold Bermann (späteres Pseudonym: Arnold Höllriegel) verkehrte P. zwischen 1902 und 1907 im Wiener literarischen Gymnasiastenzirkel „Freilicht“, wo er Ernst Weiß kennenlernte. P. empfing entscheidende Impulse von der Wiener Moderne; so besuchte er die Lesungen von Karl Kraus und jährlich „ca. 90“ Konzerte, wie er 1910 an Bermann schrieb. Arthur Schnitzler widmete er 1908 ein Traktat. Richard Beer-Hofmann zählte zu seinen Freunden und Förderern; seiner Empfehlung verdankte P. 1907 die Veröffentlichung der historischen Novelle Der Tod des Messer Lorenzo Bardi in der Wiener Zeit. Im selben Jahr folgten Feuilletons und die Erzählung Der Feldwebel Schramek (seit 1920 unter dem Titel Das Gasthaus zur Kartätsche) für die Teplitzer Zeitung. P.s erster Roman Die dritte Kugel erschien 1915 bei Albert Langen in München. Im selben Verlag folgten die Romane Das Mangobaumwunder (1916, Mitverfasser: Paul Frank) und Zwischen neun und neun (1918), der bis Jahresende zehn Auflagen verzeichnete und Filmregisseure wie Friedrich Wilhelm Murnau und womöglich auch Alfred Hitchcock (The Lodger, 1926) inspiriert hat. Mit einer raffinierten Schlußpointe schildert er die Schwierigkeiten eines Studenten, der sich seiner Verhaftung wegen Diebstahls durch Flucht entziehen konnte, trotz Handschellen unbemerkt unter Menschen zu agieren, um doch noch an das Geld zu kommen, das er für eine Urlaubsreise mit seiner Freundin benötigt.

Seit August 1915 als Landsturm-Infanterist einberufen, wurde P. am 4. Juli 1916 an der galizischen Ostfront durch einen Lungenschuß lebensgefährlich verletzt. Nach Rekonvaleszenz und Beförderung zum Landsturm-Leutnant verbrachte er die restliche Kriegszeit im Kriegspressequartier in Wien, wo er Egon Erwin Kisch begegnete. Im Café Herrenhof traf sich P. mit einer Stammtischrunde, zu der neben Kisch, dessen Bruder Paul und Bermann auch Franz Werfel, Anton Kuh und Ernst Weiß zählten. Am 19. März 1918 heiratete P. die Arzttochter Ida Weil († 1928 nach der Geburt des Sohnes Felix, ihres dritten Kindes). Nach Kriegsende kritisierte P. in mehreren Zeitungsartikeln die Militärjustiz scharf, ebenso in der anonymen Broschüre Die Feldgerichte und das Volksgericht (Februar 1919). Den Beitrag „Eine Musterung für den Galgen“ aus der Wiener Arbeiter-Zeitung vom 13. Dezember 1918 griff Karl Kraus für sein Weltkriegsdrama Die letzten Tage der Menschheit auf.

Nach Unterbrechung eines Romanprojekts zur Französischen Revolution (Der Vogel Solitär), an dem er seit 1917/18 gearbeitet hatte und das unvollendet blieb, schrieb P. einen historischen Stoff nieder, der zur Zeit des spanischen Aufstands gegen Napoleon situiert ist: Der Marques de Bolibar erschien 1920 wiederum bei Langen. Hermann Broch bewunderte darin „eine Logik des Wunderbaren“, Tucholsky rühmte den Roman in der Weltbühne als „edles Indianerbuch“. 1921 folgte die Verfilmung, und P. veröffentlichte bei Rikola in Wien die Cagliostro-Novelle Die Geburt des Antichrist. Dem nächsten Roman, Der Meister des Jüngsten Tages, liegt ein Wiener Vorkriegssujet zugrunde; Langen brachte ihn 1923 heraus. In mehrere Sprachen übersetzt, bescherte er seinem Autor einen Welterfolg.

1923 kündigte P. den Dienst bei der Anker-Versicherung: Die Zinsen aus der väterlichen Fabrik (nach dessen Tod im selben Jahr von P.s Brüdern übernommen) sowie die Einnahmen des Erfolgsautors ermöglichten diesen Schritt in die freie Schriftstellerexistenz, die P. durch gutdotierte, anonyme Skriptarbeiten für die Filmindustrie zu sichern versuchte. Er förderte außerdem jüngere Autoren wie die Lyriker Josef Weinheber und Theodor Kramer. 1924 erschien bei Langen der Roman Turlupin, der vor der Kulisse des 17. Jahrhunderts in Frankreich spielt. Aus einer Nordafrikafahrt resultierte das Reisefeuilleton Arabische Cafés, wo P. der Institution ein Denkmal setzte und sich selbst – in einem singulären autobiographischen Moment – ein „Grab im Kaffeehaus“ erträumt.

Zusammen mit Oswald Levett bearbeitete P. die Neuübersetzung des Victor-Hugo-Romans Quatrevingt-treize (Das Jahr der Guillotine, 1925), mit Josef Kalmer Hugos Bug-Jargal (Flammen auf San Domingo, 1929). Finanzschwierigkeiten veranlaßten ihn seit Mitte der 20er Jahre zunehmend zu Ausflügen ins Unterhaltungsgenre – bei unvermindert hohem Qualitätsanspruch. So entstand für Ullstein, Berlin, der Roman Wohin rollst du, Äpfelchen …, dessen Abdruck in der Berliner Illustrirten Zeitung (seit März 1928) im Vorfeld von einer aufsehenerregenden Werbekampagne flankiert wurde und dem Blatt (Auflage: ca. 2 Millionen Exemplare) 30 000 neue Abonnenten beschert haben soll. Auf dem Gipfel seiner Popularität verfaßte P. erneut mit Paul Frank den Roman Der Kosak und die Nachtigall (1928; 1934 verfilmt), von dem sich P. zwar distanzierte („Frankmist“), dessen Druck- und Filmrechte der Verlag der Münchner Illustrierten Knorr & Hirth aber mit 14 000 Reichsmark honorierte. Für die Bühne schrieb P., nachdem die Kooperation mit Frank gescheitert war, mit Hans Adler Die Reise nach Preßburg. Die Uraufführung am 4. Dezember 1930 im Theater in der Josefstadt (Regie: Emil Geyer) brachte trotz prominenter Besetzung (darunter Hans Moser) nicht die erwartete Resonanz, und auch eine US-Fassung fiel 1933 am Broadway durch. Mehr Erfolg hatte das Autorenteam mit der Kriminalkomödie Morgen ist Feiertag (Uraufführung: 12. April 1935, Deutsches Volkstheater, Wien, Regie: Heinrich Schnitzler). 1930 erschien außerdem der Novellenband Herr, erbarme Dich meiner! im Wiener Phaidon-Verlag, dem berüchtigten Exzentriker Friedrich Reck-Malleczewen gewidmet, der wie Bruno Brehm und Alexander Lernet-Holenia zu dem ausgewählten Kollegenkreis zählte, mit dem P. freundschaftlich verkehrte oder korrespondierte. Lernet-Holenias Roman Jo und der Herr zu Pferde (1933) ging auf eine Idee P.s zurück, der dafür am Honorar beteiligt wurde.

1933 begann für P. mit der NS-Machtergreifung der reichsdeutsche Büchermarkt wegzubrechen. St. Petri-Schnee, der Roman eines durch Drogen hervorgerufenen Massenwahns, erschien bei Zsolnay in Wien und wurde dem P.-Forscher Hans-Harald Müller zufolge ebensowenig in Deutschland ausgeliefert wie drei Jahre später Der schwedische Reiter. Am 9. Juli 1938 floh P. mit seiner zweiten Frau Grete Humburger, die er am 16. Mai 1935 geheiratet hatte, und der Familie über Venedig nach Haifa und zog nach Tel Aviv; der Gegenwartsroman Mainacht in Wien blieb Fragment. P., der in Palästina nur schwer Fuß faßte, arbeitete zurückgezogen an zwei älteren Romanprojekten: Meisls Gut, worin das Prag Rudolfs II. heraufbeschworen wird (1953 unter dem Titel Nachts unter der steinernen Brücke erschienen), und Der Judas des Leonardo, posthum 1959 von Lernet-Holenia herausgebracht, der Eingriffe in den Text vornahm. In den 40er Jahren kam es in Argentinien zu Neuausgaben und Filmen, vermittelt durch die mit P. befreundeten Annie und Hugo Lifczis und gefördert durch Jorge Luis Borges, der den Meister des Jüngsten Tages 1946 in die Kriminalreihe „El septimo circulo“ aufnahm.

Nach 1945 gelang es P. nicht, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen. Kontakte nach Wien erhielt er nach wie vor aufrecht; auch für politisch belastete Kollegen wie Mirko Jelusich setzte er sich ein. Zsolnays Neuauflagen von Der schwedische Reiter (1950) und St. Petri-Schnee (1951) verkauften sich schlecht; Nachts unter der steinernen Brücke wurde von Zsolnay, Rowohlt und Piper abgelehnt und erschien dann in der Frankfurter Verlagsanstalt. Finanzielle Entlastung bot seit 1948 die Anstellung als Versicherungsmathematiker bei einer Lebensversicherung. P. blieb wohl nicht zuletzt deshalb in Israel. 1952 erwarb er die österreichische Staatsbürgerschaft. Die letzten Lebensjahre reiste er den Sommer und Herbst über nach Europa, wo er regelmäßig mehrere Wochen im Salzkammergut verbrachte und Lernet-Holenia, Hilde Spiel und Peter de Mendelssohn traf. In Bad Ischl starb P. wenige Monate vor seinem 75. Geburtstag an Herzversagen.

Von Kollegen und Kritikern wie Adorno, Broch, Polgar und Torberg ohne größere Resonanz geschätzt, erfuhr das Œuvre des Autors, der seit NS-Zeit und Emigration aus dem Bewußtsein der literarischen Öffentlichkeit verschwunden war, nach seinem Tod immer wieder Neuentdeckungen und -auflagen. Seine Romane und Erzählungen wurden im Wiener Zsolnay-Verlag und in verschiedenen Taschenbuchverlagen neu ediert. P. hat 1949 seine „Auferstehung in 40 Jahren, wenn mich irgendein Literaturhistoriker wiederentdeckt und ein großes Geschrei darüber erhebt, daß meine Romane zu Unrecht vergessen sind“ selbst mit fast unheimlicher Präzision vorausgesagt. Die große Ausstellung aus erstmals präsentierten Nachlaßbeständen der Deutschen Bibliothek Frankfurt (1989) sowie Verfilmungen von Der Meister des Jüngsten Tages (1989) und St. Petri-Schnee (1991) weckten neues Interesse an P. und seinem Werk. Die literaturwissenschaftliche Renaissance des Autors geht nicht zufällig einher mit dem Aufstieg der Narratologie innerhalb des Fachs: Neben Hans-Harald Müller machten unter anderen Matías Martínez und Jean-Jacques Pollet Analysen der spezifischen Erzählstrategien für erzähltheoretische Überlegungen fruchtbar.

Schon in P.s erstem Roman Die dritte Kugel zeigen sich wesentliche Merkmale seiner narrativen Konzepte: Eingebettet in eine Rahmen-Ich-Erzählung, wird eine Binnenhandlung mit anscheinend phantastischen Zügen erzählt. „Phantastisch“ im strengen Sinne sind die Texte aber nur dann, wenn die Erzählsituation unberücksichtigt bleibt: Entweder gehören die Erzähler wie in den anderen historischen Romanen (Der Marques de Bolibar, Turlupin, Der schwedische Reiter, Nachts unter der steinernen Brücke und Der Judas des Leonardo) einer Kultur an, für die übersinnliche Phänomene zu den Realitätsannahmen gehören, oder sie sind aufgrund ihres defizienten Lebens – ihnen selbst meist nicht bewußt – daran interessiert, hochrangige und eigene Schuld exkulpierende Ereignisse zu konstruieren (Zwischen neun und neun, Der Meister des jüngsten Tages, Wohin rollst du, Äpfelchen ..., St. Petri-Schnee). Dabei rücken immer wieder Probleme der Identität (Der schwedische Reiter) und des Bewußtseins (Die dritte Kugel) sowie der Autonomie des Individuums ins Zentrum der Texte.

Ausgangspunkt ist häufig ein von der höchsten Erzählinstanz als erklärungsbedürftig gesetztes Faktum – sei es der Untergang zweier deutscher Regimenter im napoleonischen Feldzug in Spanien (Der Marques de Bolibar), eine Serie unerklärlicher Selbstmorde im zeitgenössischen Wien (Der Meister des Jüngsten Tages) oder die Vereitlung einer vorgezogenen französischen Revolution unter Richelieu (Turlupin). In vielen Fällen bleibt die vermeintliche Leerstelle aber von vornherein eine Behauptung des Binnenerzählers, der damit eine konkurrierende, meist näherliegende Erklärung quasi überschreibt. So liegt es etwa im Interesse der Hauptfigur im Meister des Jüngsten Tages, die Selbstmordserie als Wirkung einer Bewußtseinsdroge auszugeben, um die eigene Schuld am Tod des Rivalen zu verschleiern. Und auch der Protagonist in St. Petri-Schnee profitiert, wenn die fragwürdige Verschwörungstheorie der Rahmenhandlung um einen künstlich provozierten Massenwahn wahr ist: Als Teilnehmer an einem exzeptionellen Ereignis und als Protagonist einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte gewinnt der sonst durchschnittliche Arzt emphatisches Leben – und somit den für die Literatur der Epoche zentralen Wert.

Konkurrierende Erklärungsmodelle sind damit ebenfalls typisch; die dargestellten Ereignisse folgen dem Modell narrativer Überdetermination – der Ausgang der Romane steht meist zu Beginn fest, fraglich ist nur, wie es dazu kommt. Daß diese Konkurrenz aber nicht zwingend zu einer „strukturellen Mehrdeutigkeit“ (Müller) führt, liegt an der Perspektivierung der jeweiligen Erklärungsmodelle: So triumphiert am Ende nicht nur erzählhierarchisch der Rahmen- über den Binnenerzähler, sondern dieser erscheint aufgrund von Textsignalen (Erinnerungslücken, Einschränkungen des Bewußtseins etc.) und aufgrund seiner Motive immer schon als unzuverlässiger Erzähler.

Nicht nur Erinnerung bedroht die Identität der Protagonisten, sondern auch die Anwendung bewußtseinsverändernder Drogen und der Verlust des eigenen Willens beim Aufgehen in einer Masse. Zwar legt das Erscheinungsdatum 1933 von St. Petri-Schnee den Schluß nahe, P. spiele direkt auf das gerade im Nachbarland triumphierende Massenphänomen an, doch geschieht dies allenfalls indirekt. Vielmehr gerät der von Baron Malchin provozierte Massenwahn, der ein anachronistisches Reich nach Art des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation restaurieren soll, unversehens zu einem sozialistischen Umsturz von Bauern, bei dem der Initiator dieses Unheils den Tod findet. Dabei wird das identitätsgefährdende Potential jeglicher Massenbewegung ebenso problematisiert wie die dargestellten ideologisch-politischen Tendenzen, denen P. selbst während seines Lebens nahestand. Bis Mitte der 20er Jahre sympathisierte er aus gewisser Distanz mit der österreichischen Sozialdemokratie; als dezidierter Gegner des Nationalismus engagierte er sich seit 1934 im Bund der Legitimistischen Jüdischen Frontsoldaten: „Übernationale monarchistische Staaten sind die einzig wirkliche Friedensgarantie“ (an Bermann, 11. September 1939).

Von der allgemeinen und letztlich wenig spezifischen Neigung zu (pseudo-)phantastischen Sujets abgesehen, merkt man den Texten die Prager Herkunft des in Wien sozialisierten Schriftstellers kaum an – mit einer Ausnahme: Der im Exil vollendete Roman Nachts unter der steinernen Brücke spielt nicht nur in der Geburtsstadt des Autors, sondern thematisiert auch die spezifische ethnisch-religiöse Vielfalt, die diese Stadt bis zur Zwischenkriegszeit auszeichnete. Eingebettet in eine Rahmenhandlung um 1900, als Teile der Judenstadt abgerissen werden, fügen sich auf den ersten Blick selbständige Erzählungen, die im legendären Prag Rudolfs II., des Rabbi Löw und des Golems situiert sind, zu einer auch in ihrer zeitlichen Abfolge rekonstruierbaren Handlung, bei der alles mit allem zusammenhängt: der Ausgang der Schlacht am Weißen Berg mit der Geldnot des Kaisers und der Korruption am Hof, der Aufstieg Wallensteins mit einer ihm zunächst ungünstigen Konstellation der Gestirne und das Fehlen der Bilder eines böhmischen Malergenies in der kaiserlichen Sammlung mit der unglücklichen Liebe des Herrschers zur schönen Esther, der Frau des reichen Mordechai Meisl. Wer wie Rabbi Löw mit übernatürlichen Praktiken in das „Gleichgewicht der Welt“ eingreift, bezahlt einen hohen Preis. Und auch er muß am Ende erkennen, daß das vorbestimmte Ende allenfalls hinausgeschoben, nie aufgehoben werden kann.

All diese Erzählungen hört der damals 15jährige Ich-Erzähler von seinem Hauslehrer, einem Nachfahren jenes reichen Juden Meisl, der den Kaiser lange finanzierte, aber auf mysteriöse Weise verarmt starb. Der Erzählakt des Rahmens ist schließlich nochmals 50 Jahre später angesiedelt, wenn sich der gealterte Erzähler wiederum eine versunkene Welt, das Prag der Jahrhundertwende, ins Gedächtnis zurückruft. Wie „Meisls Gut“ um 1900 endgültig zu Staub zerfällt, zerfallen auch den Figuren der Binnengeschichten alle Hoffnungen – alles, dessen sich der Ich-Erzähler im Rückblick erinnert, ist verloren. Damit signalisiert der Roman ideologischen „Realismus“ und „Skeptizismus“: Der Verlust materieller und ideeller Werte kennzeichnet die dargestellte Welt.

Schon die frühen Texte erzählen vor allem Verlustgeschichten; ein unaufhaltsames Schicksal, das um so eher eintritt, je mehr die Figuren versuchen, es aufzuhalten, bringt die Protagonisten um alles, was ihnen etwas bedeutet. Was bleibt, ist die Überführung ihres Lebens in Erzählung, die Umdeutung von vermeintlich bekannten und hinreichend erforschten Ereignissen. Vom Mehrwert, der durch Erzählen entsteht, profitieren letztlich nicht nur die Figuren, die zumindest die Deutungshoheit über ihr gescheitertes Leben behalten, sondern vor allem die Leser – in Form von ebenso spannungsreichen wie intelligent konstruierten Geschichten.

Franz Adam und Franziska Mayer