Hedda Sauer

Biographie

24.9.1875 Prag
21.3.1953 Prag.

Photo Österreichische Nationalbibliothek, Das Literarische Echo Jg. 8, S. 929


Hedda Sauer wurde als erstes Kind des Philologie-Professors Alois Rzach (1850-1935) und seiner Frau Hedwig, geb. Polak (1853-1920), geboren. Mütterlicherseits war Hedda Sauer mit der Schriftstellerin Ossip Schubin (1854-1934) und dem tschechischen Komponisten Bedřich Smetana verwandt.
 Zusammen mit ihrer Schwester Edith  besuchte sie die Klosterschule der Englischen Fräulein in Josefstraße. Im Alter von ca. 13 -14 Jahren erkrankte Hedda Sauer schwer, einige Zeit lang musste sie Rollstuhl fahren (leider ist nicht bekannt, um welche Krankheit es sich handelte) und fuhr nach Meran zur Behandlung. Nach der Genesung nahm sie zusammen mit ihrer Schwester Edith Literaturunterricht bei der Prager Dichterin Jella von Zednik. Am 8.9. 1892, ein paar Tage vor ihrem siebzehnten Geburtstag, heiratete Hedda Sauer den um zwanzig Jahre älteren August Sauer (1855-1926), der seit 1886 an der Germanistik der Prager Deutschen Universität tätig war.
Das Ehepaar spielte eine bedeutende Rolle im akademischen Leben des deutschen Prags. Zusammen mit anderen Schriftstellern ihrer Generation – Camill Hoffmann, Rainer Maria Rilke, Oskar Wiener, Paul Leppin, Gustav Meyrink, Viktor Hadwiger  -  gehörte Hedda Sauer der um 1900 entstandenen  neuromantischen Bewegung „Jung Prag“ an. Mit der Nachfolge-Gruppierung der „Arconauten“, zu welcher auch Franz Kafka gehörte, hatte sie aber nur noch losen Kontakt.
Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Zusammenbruch der Monarchie bedeutet eine Zäsur
im Leben von Hedda Sauer. Mit der Monarchie war ein Stück ihrer Welt zu Ende gegangen, die sie dann immer vermisste.
Nach dem Tod ihres Mannes und ihres Vaters mietete sie zusammen mit der Schwester eine gemeinsame Wohnung. Sie kümmerte sich um den Nachlass ihres Mannes und die Gesamtausgabe seiner Werke. Da sie und ihr Mann in der „Geschichte der deutschen Literatur“ von Adolf Bartels als Juden bezeichnet wurden, musste Hedda Sauer, um die Ausgabe der Werke ihres Mannes abschließen zu dürfen, 1939 für sich und ihren Mann ihre arische Abstammung beweisen. Im Juli 1939 beantragt Hedda Sauer die deutsche Staatsangehörigkeit, die ihr im Juli 1940 erteilt wird.
Nach dem Krieg beantragt Hedda und ihr Bruder Otto die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Mit  dem Hinweis auf die Verwandtschaft mit Bedřich Smetana wird diese dem Bruder zuerkannt. In der Begründung wird an seine aktive Teilnahme am Kampf gegen Faschismus verwiesen, seine Mitgliedschaft in der NSDAP wird für formal erklärt. Für Hedda Sauer konnten weder antifaschistische Aktivitäten noch Unterdrückung durch das Nazi-Regime nachgewiesen werden: über ihre Staatsbürgerschaft liegt deshalb keine Entscheidung vor. Da sie aber in Prag geblieben ist, ist  anzunehmen, dass sie die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft 1950 doch zuerkannt bekam. Hedda Sauer starb verarmt, von der Umwelt längst vergessen. Sie ist auf dem Friedhof Malvazinky unter der tschechisierten Form ihres Namens als Hedvika Sauerova begraben.

August Sauer unterstützte Hedda Sauer in ihrem Interesse an Literatur. Sie schrieb  Rezensionen u.a. für Deutsche Arbeit, wo ihr Mann seit der Gründung der Zeitschrift  1901 bis 1913 die Redaktion führte. In ihren Besprechungen schrieb  sie über aktuelle Bücher von u.a. Gabriele Reuter, August Hauschner, Max Mell, Ossip Schubin oder Annette Kolb. Ihre besondere Aufmerksamkeit als Rezensentin galt Rainer Maria Rilke. Mit Rilke verband sie neben einer persönlichen Beziehung auch das literarische Interesse.  Hedda Sauer hat die Gedichte von Rainer Maria Rilke  mehrmals rezensiert, sie verfolgte sein Werk auch in späteren Jahren, wo der private Kontakt zwischen ihnen längst abgebrochen war. August Sauer war einer der ersten, die das Talent Rilkes erkannt haben, und unterstützte ihn mit seiner Empfehlungen zur Stipendien, u.a. .
Die Beiträge, die Hedda Sauer über Maria von Ebner Eschenbach und Bertha von Suttner schrieb, zeigen deutlich die Bewunderung, die sie für die beiden Schriftsteller empfand.    Hedda Sauer besprach auch regelmäßig Romane von Thomas und Heinrich Mann. Es handelt sich zum Beispiel um die Besprechung der „Königlichen Hochheit“ von Thomas Mann und der „Kleinen Stadt“ von Heinrich Mann, die 1910 in der Deutschen Arbeit erschienen ist. Thomas Mann hat sie anerkennend in seinen Tagebüchern erwähnt.

Zu Lebzeiten hat Hedda Sauer sieben Gedichtbände, eine Novelle und einen Text über Johann Wolfgang von Goethes Beziehung zu Ulrike von Levetzow veröffentlicht. Viele weiteren Gedichte und Gedichtzyklen, die meisten prosaischen Texte und Rezensionen sind in Zeitungen und  literarischen Zeitschriften erschienen. 1892 stellte Hedda Sauer unter dem Titel „Im Frühling“ ihre ersten Gedichte zusammen: auf Karton geschrieben und mit Bildern des Bruders Otto illustriert. Das erste gedruckte Buch ist die Sammlung „Gedichte“, bald von „Ins Land der Liebe“ und „Wenn es rote Rosen scheint“ gefolgt. Gerade die ersten Veröffentlichungen waren es, die Hedda Sauer im literarischen Leben Prags bekannt gemacht haben und mit denen sie sich in die Literaturgeschichte einschrieb. Die Natur, die Liebe und Prag sind  häufigsten Themen ihrer frühen Gedichte, die sich durch  verträumten, melancholischen Ton,  stimmungsvolle Bilder in Herbstfarben auszeichnen. Wilhelm Michel lobte in einer Besprechung in der „Deutschen Arbeit“ die Naturbilder, deren Entstehung nicht der formalen Kunst sondern die „echte tief gefühlte Sehnsucht“ zugrunde liegt.  Paul Remer schreibt in einem Artikel über die Frauendichtung im „Das literarische Echo“ u.a. über Else Lasker-Schüler und Hedda Sauer. Bei Hedda Sauer  ist er beeindruckt von romantischen Bildern und Symbolen der Gedichte, die nach seiner Interpretation „dem Bedürfnis nach Stil, Harmonie und Grazie“ entstammen.  Mit der Sammlung „Gedichte“ aus dem Jahr 1912 zeichnet sich eine neue Phase im Schreiben von Hedda Sauer ab. Zu der bildhaften Sprache gesellt sich ein balladesker Ton, das Unheimliche und das Geheimnisvolle. Die Sammlung ist der Höhepunkt des literarischen Schaffens der Autorin. Mit größerem zeitlichen Abstand folgen dann „Bei den gefangenen Tieren“ und „Biblische Balladen“. Der in diesen Gedichten realisierte Übergang zum Symbolhaften ist weniger gelungen, wirkt starr und distanziert.

Die ersten prosaischen Texte von Hedda Sauer sind kurz, stark geprägt durch den lyrischen Ton der Autorin. Erst später gewinnen die Texte ihre eigenständige Form, die  Aufmerksamkeit der Autorin gilt weiterhin vor allem der Darstellung der Gefühlwelt der Figuren. Die längste und einzige selbständig erschiene Prosa ist die Novelle „Am himmlischen Ort“ aus dem Jahr 1926. Es handelt sich um die Geschichte einer unglücklichen Liebe, die Heldin entscheidet sich gegen ihre Liebe für eine Vernunftheirat. Trotz der Bedeutung für die Handlung der Geschichte sind die historischen Ereignisse stark in den Hintergrund gedrängt. Das Buch wurde v.a. wegen einer mangelnden Reflektion des Zeitgeschehens und der romantisierende Ton kritisiert.   
Das Buch „Goethe und Ulrike“ hat Hedda Sauer aufgrund der Erinnerungen von Ulrike von Levetzow geschrieben. In zwölf Kapiteln schildert sie die Aufenthalte Johann Wolfgang von Goethes im Böhmen, insbesondere in Marienbad, seine Beziehung zu Ulrike und ihrer Familie. Sie beschreibt die negative Reaktion von Ulrike nach dem Erscheinen der Marienbader Elegien und ihr weiteres Leben danach. Das Buch ist stark die  Bewunderung für Goethe geprägt.
Nach dem Tod von Hedda Sauer veröffentlichte der Freund Germanist Herbert Cysarz seine Erinnerungen an die Autorin in einem kurzen Text. Für weitere Rezeption und v.a. als Quelle der biographischen Information zu der Autorin ist der Beitrag von Alois Hofmann von entscheidender Bedeutung. Dieser  entstand in den 60er Jahren augrund der Bearbeitung des Nachlasses und der Gespräche mit der Haushälterin von Hedda Sauer.    (Eva Vondalová)