Nr. IV/2012

 

 

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir möchten Ihnen die neue Rubrik auf der Internetseite des Adalbert Stifter Vereins vorstellen.

 

Unter dem Titel Advocatus Bohemiae werden wir in unregelmäßigen Abständen per Newsletter kurze Feuilletons, Stimmungsbilder, Anmerkungen, Hinweise, Glossen oder Kritiken verschicken und diese gleichzeitig auf unserer Internetseite unter einer eigenen Rubrik sammeln.

Als Advocatus Bohemiae agieren Mitarbeiter, Kollegen und Freunde des Vereins.

 

Herzliche Einladung zur Mitarbeit!

 

 

Advocatus Bohemiae

2012 - 01

 

Nun hat sie uns für immer verlassen, unsere Baronin, im 91. Lebensjahr.

 

Und als ob sie noch bestimmen wollte, wie wir künftig an sie denken sollten, hat sie sich an einem Rosenmontag verabschiedet, mitten im Münchner Faschingstreiben.

 

Ihr Lachen wird allen nachklingen, die sie persönlich kannten, ihre Fröhlichkeit, ihre mitreißende Lebensfreude. Sie war die personifizierte Bohemia, laut, lustig, leutselig und weit über ihren 85. Geburtstag hinaus voll Ideen und Energie. Sie hatte viele Talente und ein ausgeprägtes Empfinden für Stil und Niveau. Aus dem Stegreif konnte sie über die böhmische Kultur- und Kirchengeschichte sprechen, traumhaft sicher die Linie zwischen Anschauung und Abstraktion, zwischen Erklärung und Bildhaftigkeit. Ihr Pragbuch hat viele Besucher in die Moldaustadt begleitet, ihre Ausstellungen über die böhmischen Badestädte, über Karl IV., Emil Orlik und den Heiligen Nepomuk haben mehr von den böhmischen Ländern vermittelt als so manche wissenschaftliche Studie. Ihre Offenheit wurde bewundert und manchmal auch gefürchtet. Nie nahm sie ein Blatt vor den Mund. Mit warmen Worten drückte sie ihre Anerkennung aus, mit Schroffheit ließ sie ihre Ablehnung spüren. Widerspruch war ein Element ihres Lebens. Sie kritisierte spontan und forderte Kritik heraus. Wer ihr nach dem Mund redete, war ihr suspekt. Obwohl oder gerade weil sie keine eigenen Kinder hatte, liebte sie Kinder über alles. Der Stifter Verein war ihre Familie. Hier konnte sie feiern, lachen, weinen, singen, umarmen. Den Mitarbeitern war sie eine zweite Mutter. Der Eintritt in die Rente war für sie keine Zäsur, sondern lediglich eine Änderung des Stundenplans: sie leitete Reisegruppen, unterrichtete Studenten, schrieb ihre Memoiren, den Bilderbogen ihres Lebens. Die Sanfte Revolution öffnete die Türen zu ihrer nie verlorenen Heimat, zu Sichrow, Aussig und Prag, wo sie studiert und promoviert hatte.

 

Auf der Moldau: 1. April 2008

Sie hatte ein reiches, erfülltes Leben, und sie hat alle reich beschenkt, denen ihre Zuneigung gehörte: Johanna von Herzogenberg, advocata Bohemiae.

 

Peter Becher