Newsletter XI/2013 - Advocatus Bohemiae

Milan Augustin: Frühstück beim Franziskaner

Gestern habe ich mich in München mit Professor Schönbach getroffen. Er ist schon über 85. Dieser Kerl bringt es immer wieder fertig, sich etwas Neues und Überraschendes einfallen zu lassen. Wir trafen uns bei der Stute (einem Denkmal für irgendeine Kavallerie, wie ich mit Karl nun endlich herausgefunden habe). Ich sah ihn schon von weitem in seinem typischen Trenchcoat, wie er eine dieser fahrbaren Einkaufstaschen hinter sich herzog. Ich lief auf ihn zu und er sagte mir, dass darin ein Geschenk für mich sei, das wir am besten gleich ins Auto bringen sollten, weil es schwer sei. Mehr würde er mir dazu sagen, wenn wir uns in Ruhe irgendwo reingesetzt hätten. Gesagt, getan.

Er lud mich in ein echt bayerisches Restaurant ein, nicht weit weg vom Marienplatz: Zum Franziskaner. Es war noch nicht mal 10 Uhr vormittags; er sagte mir, dass wir frühstücken gehen. Ein richtiges Münchner Frühstück. Aha, naja, warum nicht. Die Kellnerin kam und fragte mich, was ich nehme. Ich bestellte Kaffee. Da blieb ihr das Lachen im Halse stecken und sie sah verständnislos den Professor an, was das zu bedeuten hätte. Der lächelte ein wenig und sagte – Nein nein, alles in Ordnung, bringen Sie uns ein Frühstück. Ein Frühstück, ein Münchner Frühstück, basta. Die Kellnerin nickte zufrieden und ging weg - jetzt war alles wie es sich gehörte. Ein Münchner Frühstück ist nämlich genau vorgegeben und man bekommt nichts anderes. Also bis zehn Uhr, dann wiederum ist Jause bis zwölf Uhr, aber auch deren Zusammensetzung ist klar definiert.

Und dann kam es – ein silberner Behälter mit warmem Wasser, den die Bedienung auf einem Drahtgestell absetzte, unter dem sie eine Kerze anzündete, damit das Wasser warm blieb, so ähnlich wie in einer Teestube. Im Wasser schwammen 4 Weißwürste. Dann wurde uns noch ein Brotkorb mit echten Brezen gebracht. Das war so ein Schmaus, dass wir uns noch eine weitere Ladung Würste haben bringen lassen, und so haben wir dort vergnügt mindestens eine Stunde gefrühstückt.

Inmitten des Gespräches kam der Professor auf das Geschenk zurück und sagte: Etwa ab meinem 6.Lebensjahr habe ich Briefmarken gesammelt, eigentlich nur aus der Tschechoslowakei, von 1918 bis heute. Irgendwann im Jahre 1950 habe ich sogar angefangen, mir mit einem Herrn aus Pardubice zu schreiben, er schickte mir die Marken aus der Tschechoslowakei, ich ihm die aus Deutschland. Heute habe ich eine vollständige Sammlung aller Briefmarken, die jemals in der Tschechoslowakei herausgegeben worden sind. Es sind insgesamt 3 Alben…..und ich würde mich freuen, wenn Sie diese von mir annehmen würden.

Ich glotzte ihn an und schüttelte verständnislos den Kopf. Als Junge hatte ich auch Briefmarken gesammelt, aber eher aus Gewohnheit, weil meine Freunde dies auch getan hatten. Und wenn Gott jemandem kein Sammlergen gegeben hat, dann bin ich das. Ich finde ja nicht mal meine Shorts im Schrank, selbst wenn ich genau hinsehe, wie könnte ich da etwas sammeln!? Mir blieb die Luft weg - immerhin hatte er diese Briefmarken 80 (!) Jahre lang gesammelt! Sie mussten ihm wirklich sehr wichtig gewesen sein, wenn er so viel Zeit und Sorgfalt darauf verwendet hatte. Und jetzt das.

Er saß völlig unprätentiös vor mir, in all seiner großmütigen Bescheidenheit, wie es für ihn typisch war. Als ich wieder klare Gedanken fassen konnte, stellte ich ihm eine Frage, an die ich mich noch genau erinnere: Herr Professor, warum machen Sie das, warum schenken Sie gerade mir so etwas Wertvolles? Sie haben eine Familie, einen Sohn, Enkelkinder. Warum geben Sie es mir?

Und in seiner bescheidenen Art, die sich darin ausdrückt, dass er über wichtige und wertvolle Dinge spricht, als wären es völlig banale Alltäglichkeiten, als wäre Brötchenholen das gleiche, wie eine komplette philatelistische Sammlung zu verschenken, sagte er mir ganz beiläufig beim Pellen der Weißwurst:

Ich betrachte Sie als meinen Freund. Selbstverständlich haben die Alben für mich einen Wert, aber bei Ihnen weiß ich sie in den besten Händen. Machen Sie mit Ihnen, was Sie möchten, verschenken Sie sie, oder verkaufen Sie sie, das bleibt Ihnen überlassen. Ich spüre nur einfach, dass sie bei Ihnen sein sollten. Wissen Sie……Sie haben mir etwas ermöglicht, was sich mit nichts bezahlen lässt – dank Ihnen konnte ich alles noch einmal erleben, was ich damals aus Böhmen mitgenommen habe, dem Land meiner Kindheit.

Damit meinte er unsere mehr als 20-jährige Zusammenarbeit. Aber ich habe damit kein Opfer gebracht, ich habe das gerne getan. Das hat mich wirklich gerührt, denn wenn jemand aus unserer Beziehung einen Nutzen gezogen hat, dann war definitiv ich das, schon alleine seine Einladung nach Augsburg, kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, mein erster längerer Aufenthalt im Westen, was ich dort alles sehen und erleben durfte, wie die sich um mich gekümmert haben!

Aber ich hatte verstanden. Ich musste dieses überwältigende Geschenk annehmen. Und es wird mich bis ans Ende meiner Tage begleiten. Und bevor meine Zeit abgelaufen ist, werde ich diese Alben jemand anderem geben, jemandem, den ich als meinen Freund betrachte. So werden sie auch am Ende meiner Tage in die besten Hände geraten. Und so hoffe ich, wird es immer weiter gehen: Die Briefmarken eines Landes, über das irgendwann niemand mehr etwas wissen wird, werden zu einem Symbol des schönsten und edelsten, was man überhaupt jemals bekommen kann – Freundschaft.

 

(Aus dem Tschechischen von Magdalena Becher)