Newsletter XXII/2013 - Advocatus Bohemiae

Hašeks Verbrüderung mit Franz Josef

 

Von Wolfgang Schwarz


Das Navigationsgerät zeigt beharrlich nach rechts, obwohl weit und breit kein Wegweiser sichtbar ist: Ich befinde mich auf dem Weg nach Lipnice (Lipnitz), um Jaroslav Hašeks Grab aufzusuchen. Es liegt auf dem dortigen Friedhof, der gesundheitlich bereits schwer angeschlagene Hašek hat seine letzten Jahre in dem kleinen Provinzstädtchen unweit von Havličkův Brod (Deutschbrod) verbracht. Eine dieser in Böhmen noch häufig anzutreffenden, wunderbar langgezogenen Alleen führt mich tatsächlich direkt zu einem großen Friedhofsareal, dessen quietschendes Tor gerade ein älterer Herr mit einer grünen Gießkanne in der Hand hinter sich schließt. Neugierig-misstrauisch beäugt er zunächst mein Münchner Kennzeichen, gibt aber dann bereitwillig auf meine Frage nach dem Standort des Grabes Auskunft: nein, nein nicht hier, auf dem kleinen Friedhof direkt im Ort ist er begraben. Mit dem Auto kommen sie da nicht hin, der Weg ist zu eng, parken Sie am besten direkt beim Rathaus. 

 

Die mir angeborene Bequemlichkeit lässt mich trotzdem durch eine zugegebenermaßen schmale Gasse – vorbei an einem der beiden Hašek-Denkmäler im Ort – direkt bis vor das Tor des kleinen Friedhofs fahren. Das gesuchte Grab ist schnell gefunden: es ist mit noch nicht verdorrten Kränzen geschmückt und – was mich trotz der Würde des Ortes fast losprusten lässt - mit einer (vollen) Flasche Budweiser Bier, die ein hübsches rotes Schleifchen ziert. Vielleicht könnte mir der Astrologe, der im Haus gegenüber dem Friedhof für seine Dienste wirbt, näheres über die Herkunft des Gerstensafts verraten?

 

„Hier war Jaroslav Hašek, Schöpfer des braven Soldaten Schwejk, regelmäßig Gast“, verkündet die Gedenktafel an der Dorfkneipe Zur böhmischen Krone. Der Soldat sitzt in Form einer kleinen Figur auf der Klingel, die ich betätige, obwohl eigentlich noch geschlossen ist. Meine Bitte, mir das Interieur ansehen bzw. es fotografieren zu dürfen, verwehrt mir die Kellnerin nicht. Der junge Mann am Zapfhahn mustert mich zunächst wortlos, gibt sich dann aber stolz zu erkennen: Es handelt sich um niemanden anderen als den Urenkel des Schriftstellers, Martin Hašek, der mir leutselig – es ist zehn Uhr morgens - gleich ein Bier ausgibt. Ich erkundige mich, was denn von der Inneneinrichtung noch wie zu Hašeks Zeiten sei. Das Treppenhaus, antwortet Martin trocken, und nimmt einen kräftigen Schluck aus seinem Humpen. Alles andere von der Kaffeemühle bis hin zum Kachelofen in der Wirtsstube sei, so meint er in schonungsloser Offenheit, der Gemütlichkeit bzw. den Touristen geschuldet. Meine für zwei Stunden später vereinbarte Besichtigung von Hašeks einstigem Wohnhäuschen, nicht weit von der Kneipe, versucht er auf meine Bitte hin vorzuverlegen. Hier kennt jeder jeden, sein Anruf bei der Gemeinde ist aber vergeblich: Die zuständige Rentnerin kann nicht früher kommen, da sie gerade Buchteln in den Ofen geschoben hat.


Ich verabrede mich für später mit Martin, der mir unbedingt noch etwas zeigen möchte, aber nicht ohne den Wunsch zu äußern, ein historisches Foto an dem Ort, an dem große Teile des Schwejk entstanden sind, schießen zu dürfen: Unter dem Porträt Franz Josefs in der Kneipe prostet Hašeks Urenkel dem alten Kaiser zu. Die Verbrüderung eines der Nachkommen des einst dem Gedanken der Anarchie nicht abgeneigten Jaroslav Hašek mit der Habsburger-Monarchie ist besiegelt und für die Nachwelt auf ewig festgehalten. 

Die Rentnerin hat inzwischen ihre Buchteln aus der Röhre geholt, aber leider keine mitgebracht, mein Magen knurrt bereits bedenklich. „Kolik Vás bude?“ (Wie viele sind Sie) fragt sie mich, das Entsetzen über meine Antwort, ich sei alleine, ist ihr ins Gesicht geschrieben. „Mir wurde was von einer Gruppe aus Deutschland gesagt, deswegen bin ich gekommen“, fährt sie mich an. Mit einer mehrmals ausgesprochenen Entschuldigung für dieses Missverständnis und höflichem Small-talk kann ich sie bald besänftigen und alle Räume, darunter auch Hašeks Sterbezimmer besichtigen. Die zahlreichen Ausstellungstafeln werden von zeitgenössischen Biergläsern und Flaschen sowie k.u.k.-Uniformen ergänzt.

 

Einen Kilometer unterhalb des von einer mächtigen Trutzburgruine überragten Lipnice lauert eine besondere Kuriosität, zu der mich Martin wie versprochen führt: das Denkmal Hlava 22, benannt nach dem Roman Catch 22 von Joseph Heller, der – Hašeks Schwejk nicht ganz unähnlich – die Absurdität des Krieges und der Innenwelt des Militärs aufs Korn nimmt. Es ist gerade zehn Tage alt (ein Video von der Enthüllung am 27. April 2013, Hašeks 130. Geburtstag,  ist auf youtube verfügbar).  Für den wuchtigen Kopf aus hiesigem Granit stand Richard Hašek, der Enkel von Jaroslav, dem Bildhauer Radomír Dvořák „anatomisch Modell“. Die linke obere Gesichtshälfte ist herausgeschnitten und liegt neben dem Kopf. Nachdenklich stimmt vor allem die Gegenüberstellung eines Zitats aus dem Schwejk, in mehreren Sprachen in das Denkmal eingemeißelt:  „Das menschliche Leben, melde gehorsamst, Herr Oberlajtnant, ist so kompliziert, dass das blosse Leben von einem einzelnen Menschen dagegen ein Hader ist.“ In Erinnerung an einstige und z. T. noch aktuelle Feindseligkeiten trifft das Hebräische auf das Arabische, das Polnische auf das Russische, das Englische (Amerikanische) auf das Japanische und – das Deutsche auf das Tschechische.

 

Martin lässt es sich nicht nehmen, mich noch bis in das 15 km entfernte Světlá nad Sazavou (Swietla) zu begleiten, wo Jaroslav Hašek im Jahr 1921 in Begleitung seines Freundes Jaroslav Panuška nach einer spontan beschlossenen Abreise aus Prag einst am Bahnhof eintraf und nach einem zwölfstündigen Fußmarsch um Mitternacht Lipnice erreichte. Eine Gedenktafel erinnert daran, wie auch an seine letzten Worte vor der Abfahrt in einer Kneipe in Prag-Těšnov: „Schenk mir gut ein, damit mir nicht der Schaum zusammenfällt, bin gleich wieder da.“

 

Fotos: © Adalbert Stifter Verein