Man hat die Pflicht zum eigenen Gewissen

(über Schuld, Rachsucht, Katerstimmung und Aussöhnung in den deutsch-tschechischen Beziehungen)

von Miloš Doležal

29. Oktober 2026

Auch für mich war es ein wichtiges Ereignis, ja, eine Initiation, als Jürgen Serkes Böhmische Dörfer erschienen, dieses monumentale Werk eines deutschen Journalisten und Essayisten, der am eigenen Leib erfahren hat, was es bedeutete, in jenem rasenden, entfesselten Jahr 1945 auf der Flucht zu sein. Auf Tschechisch erschien Serkes Buch vor knapp fünfundzwanzig Jahren. Es ist ein faszinierendes Album, eine Chronik, ein Atlas, und wer weiß was noch. Es ist ein Buch, das Zeugnis ablegt, und ein Buch, das porträtiert, eine Art Puzzle, das die Existenz der einzigartigen Kultur Mitteleuropas abbildet. In seiner Einleitung schreibt Serke treffend:

„Die Tschechen wurden 1939 von den Deutschen okkupiert und sind heute von den Sowjets okkupiert. Die deutschen Okkupanten zerstörten die jüdische Kultur des Landes. Die Tschechen zerstörten nach der Befreiung 1945 die deutsche Kultur des Landes. Was dann kam mit der kommunistischen Machtübernahme, war ‚Finis Bohemiae‘, war die Abwendung des Landes von Europa, war der Traum von der Realisierung des marxistischen Materialismus. Europa starb in Prag.“

Jürgen Serke: Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft. Wien/Hamburg: Zsolnay 1987, S. 16f.

Europa (genauer gesagt: Mitteleuropa) starb in Prag – ist es denn wirklich so, dass es Europa als bestimmte Form der geistigen und kulturellen Koexistenz nicht mehr gibt und wir nur die erschütterten Hinterbliebenen sind, die in einer Art globaler Leere herumfliegen? Oder besteht Europa zwar weiter, aber nur noch in einer Art ständiger klinischer Agonie, so dass es möglicherweise nach ein paar weiteren kriegerischen Erschütterungen nicht mehr zu sich kommt? Oder sind wir nach all den historischen Umbrüchen und nationalen Anstrichen und der Dauerberieselung damit (Berieselung nicht des Verstandes, sondern des sentimentalen Unterbewussten) noch in der Lage, herauszufinden, wie wir Europa wiederbeleben, auferwecken können, seine verschütteten Quellen freischaufeln? Kommt irgendwann die reinigende Katharsis, kann sie kommen? Können wir sie auslösen oder herbeirufen?

Menschliche Geschichten helfen gegen das Vergessen

Serke bahnt sich den Weg durch Literatur. Durch die Rückkehr zu jenem reichen literarischen Atlantis, das aber doch eigentlich gar kein Atlantis war und ist. Schließlich haben doch all die ermordeten, vertriebenen und vorzeitig verstorbenen Autoren hier Texte hinterlassen, die man lesen und in denen man nicht nur Verständnis, sondern auch Botschaften finden kann. Keine Angst, ich will hier nicht über Europa heute und seine Gestalt theoretisieren, sondern ich will zurückgehen in die verwickelte Vergangenheit, zu den Dingen, die sich vor achtzig Jahren zugetragen haben.

Ich selbst stamme aus dem Hochland/Vysočina, wo ich noch heute lebe, einer Landschaft, die zwar von der brutalen kommunistischen landwirtschaftlichen Kollektivierung tief verletzt wurde, die aber immer noch bis zu einem gewissen Grad traditionell ist. Aus mannigfachen familiären und arbeitsbezogenen Gründen hatte ich aber auch Gelegenheit, die Landschaft der Sudeten besser kennenzulernen, vor allem den westlichen Abschnitt bei Eger/Cheb, und dann die Gegend um Broumov, das Braunauer Ländchen. Zu meiner Überraschung haben mich diese beiden Außenposten der Tschechischen Republik auf irgendeine Weise stark berührt und ich sah mich im wahrsten Sinne des Wortes innerlich gezwungen, über sie zu schreiben. Aus diesen überwucherten und verwüsteten, ja, mancherorts auch verfluchten Landschaften menschliche Geschichten herauszuziehen, die sich gegen das Vergessen sperrten, die sich eindringlich zu Wort meldeten; ich begann, in Chroniken und Briefen nach Spuren zu suchen, fragte Beteiligte oder ihre Nachkommen, schnüffelte in Archiven nach Dokumenten und Fotografien.

Am Ende entstanden zwei Bücher: 1945: Léto běsů (2022; Sommer der Dämonen) und Tady nikdo není, jen já (2023; Niemand da, nur ich). Sie erzählen dramatische Geschichten von Tschechen, Deutschen und Juden, also bewegte Episoden dieser „dreifachen Seele“, wie Franz Werfel sagen würde. Und Literatur hat die Macht, Tote aufzuerwecken und sie zum Sprechen zu bringen, sowie dazu, zu erinnern. Literatur, dokumentarische ebenso wie lyrische, kann mit der Stimme längst verstorbener Personen sprechen, selbst auf der Seite derer, die zum Schweigen gebracht oder ermordet wurden. Ich habe in letzter Zeit selbst erlebt, wie sich (nach dem Lesen dieser Bücher) die Nachkommen mancher Täter an mich wandten – Enkel und Urenkel –, die sich ein wahrheitsgetreueres Bild von ihren Vorfahren und deren Taten machen wollten und endlich offen in ihren Familien nachfragten: Wie konnte er das zulassen? Warum war er dafür? Was hatte er davon? Was haben wir heute davon? Habe ich von Opa ein Stigma oder eine Schuld geerbt?

Erlauben Sie mir, zurückzugehen in den Mai 1945 und kurz an drei Geschichten zu erinnern, die für mich – jede auf einer anderen Ebene – die Möglichkeit zu einer neuen Annäherung, Verständigung, Einsicht in wechselseitiges Versagen und Schuld, Verzeihung und ja, auch einen Funken jener Katharsis in sich tragen, die wir brauchen, um Europa wiederzuerwecken, auf einen Schlag oder in einem längeren Prozess.

Edvard Beneš und die deutsche Frage

Wir schreiben den 12. Mai 1945. Präsident Edvard Beneš kehrt in die Republik zurück, nicht etwa aus London, wo er den Krieg über gewirkt hat, sondern über Moskau und Košice, also aus Stalins Osten. Am Nachmittag tritt er in Brünn auf den Rathausbalkon hinaus und spricht vor der skandierenden Menge folgende Worte in das Mikrofon:

„Mein Programm ist – und das will ich Ihnen nicht verschweigen –, dass wir die deutsche Frage in der Republik liquidieren müssen. In diesem Krieg hat dieses deutsche Volk in jeder Hinsicht aufgehört, menschlich zu sein, es ist menschlich nicht mehr tragbar und erscheint uns nunmehr nur noch als ein einziges großes menschliches Ungeheuer. Für all das hat dieses Volk eine große und strenge Strafe verdient.“

Damals wird etwas geboren, das man kollektives schlechtes Gewissen eines Volkes nennen könnte. Václav Černý sagt es mit anderen Worten:

„Geboren wurde eine für das nationale politische Leben schicksalhafte Regel, nämlich an jeder schicksalhaften Kreuzung dem Pöbel nachzugeben. Wisse, Historiker, dass du den Beginn der Geschichte unserer gegenwärtigen nationalen Krise bereits in der Katerstimmung des tschechischen Gedankens in der zweiten Jahreshälfte Neunzehnhundertfünfundvierzig ansetzen musst.“

Erste Geschichte: Der Mord an Pfarrer Cölestin Baier

Zu jener Zeit wirkt in Merkelsdorf/Zdoňov, einem Dorf nahe den Adersbacher Felsen/Adršpašské skaly, der Pfarrer Cölestin Baier. Er lebt schon fast ein halbes Jahrhundert lang dort und ist im wahrsten Sinne des Wortes zum Inventar des Dorfes geworden, einem unverzichtbaren Teil. Er kennt die hiesigen Familien bis ins dritte Glied, hat an den Schulen mehrere Generationen Kinder unterrichtet. In Merkelsdorf ist die Bevölkerung überwiegend deutscher Nationalität. Auf einer Fotografie steht der Pfarrer in einer Lederschürze bei den Steinmetzen, ein Brecheisen in der Hand und pafft eine lange Pfeife. Trüge er nicht den Kollar, würde man kaum den Pfarrer in ihm vermuten.

Im Kirchspiel von Merkelsdorf ist Baier eine der wenigen Personen, die sich nach dem Krieg darum bemühten, die enormen Spannungen zwischen den übriggebliebenen deutschen Bewohnern (Frauen, Kindern und alten Männern), den Neusiedlern aus dem tschechischen Landesinneren und den Angehörigen der Místní správní komise, der Lokalen Verwaltungskommission, zu entschärfen. Zu der Zeit befindet sich schon ein Teil der Gemeindemitglieder von Merkelsdorf im unweit gelegenen Internierungslager Adersbach/Adršpach, aus dem nur finstere Nachrichten nach draußen dringen. Am 22. Juni 1945 wird der Abenteurer Václav Hamza zum Vorsitzenden der Lokalen Verwaltungskommission von Merkelsdorf ernannt. Chef der LVK zu sein bedeutet zu dieser Zeit unbeschränkte Macht über die Schicksale der deutschen Bewohner und ihr Eigentum. Für Hamza sind die Kirche und die Pfarrei von Merkelsdorf eine Schatzkammer voller Gold und Wertgegenständen. Allerdings steht ihm Pfarrer Baier im Weg. Doch nichts ist einfacher, als Baier irgendwie zu kompromittieren. So findet im Pfarrhaus von Merkelsdorf eine umfangreiche Razzia statt, man nennt sie Hausdurchsuchung. Zeugen bestätigen später, es habe sich um eine „unvorstellbare Verwüstung“ gehandelt. Im Heuschober wird eine versteckte Jagdflinte gefunden, hinter der Orgel in der Kirche eine weitere und im Geräteschuppen eine Panzerfaust.

Schwarzweiß-Foto einer Baracke zwischen Bäumen

Überreste der Baracken des ehemaligen Militär- und Internierungslagers in Wekelsdorf

Der Pfarrer schwört, von alldem nichts zu wissen und verweist darauf, dass er den Geräteschuppen ebenso wie den Heuschober langfristig an Robert Rücker vermietet hat. Bis auf einen Kelch verschwinden bei der Hausdurchsuchung alle wertvollen liturgischen Gegenstände. Pfarrer Baier und seine Haushälterin Theresie Prochasková werden noch am selben Tag verhaftet und über das Internierungslager in Unter-Adersbach/Dolní Adršpach ins Gefängnis in Wekelsdorf/Teplice nad Metují überführt. Nach einer Woche strenger Verhöre wird wegen „Nichthörens“ auf die Verordnung über Waffenbesitz ohne Gerichtsverfahren die Erschießung von Pfarrer Baier, der Haushälterin Prochasková und zweier Gemeindemitglieder entschieden. Als der Zeuge Josef Nosse später in der Nachkriegszeit seine Erinnerungen an die Tage unmittelbar nach Kriegsende aufschreibt, erinnert er sich genau:

„Etwa um 20.15 Uhr wurden die Opfer aus dem Lager weggebracht. Der Pfarrer sah sehr übel zugerichtet aus, die Frauen weinten. Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte tröstete der alte Priester sie noch mit den Worten, mit denen er während seines Wirkens immer Seelen, die sich auf die Ewigkeit vorbereiteten, sowie die an den Gräbern trauernden Hinterbliebenen getröstet hatte: ‚Liebe Menschen, weint nicht, es geht nach Hause, es geht nach Hause.‘“

Cölestin Baier und seine Pfarrkinder sind noch heute auf einer Wiese bei Wekelsdorf verscharrt, ohne Bezeichnung des Ortes und ohne würdiges Andenken. In Zusammenarbeit mit dem Heimatkreis Braunau habe ich die Suche nach diesem wilden Grab und die würdevolle Bestattung der Ermordeten initiiert. Ich denke, dass der Augenblick nicht fern ist, in dem es uns mit Hilfe von Archäologen und moderner Technologie gelingen wird, die sterblichen Überreste zu finden, zu identifizieren und würdig in der Friedhofserde ihrer Heimat Merkelsdorf zu bestatten. Zeitgleich unternimmt auch die Stadtverwaltung von Wekelsdorf in Person der jungen Bürgermeisterin Věra Prokopová dafür schon die wegbereitenden Schritte.

Schwarzweiß-Foto einer Naturlandschaft mit Häusern eines kleinen Ortes

Wekelsdorf

Dies ist nur ein winziges Bruchstück im Meer des Unrechts aus der Nachkriegszeit, das die Mehrheitsgesellschaft heutzutage nicht interessiert. Ohne solche konkreten Schritte ist es aber unmöglich, den Kreislauf des Bösen zu unterbrechen und die Wahrnehmung der jüngeren Geschichte zu verändern. Es ist ein Versuch, gerichtet gegen die Banalisierung der Geschichte und die Auslöschung oder Leugnung der Erinnerung.

Zweite Geschichte: Die wiedergefundenen Kinder

Betroffen ist die Familie des tschechoslowakischen Politikers Přemysl Šámal, einer prägenden Figur der Ersten Tschechoslowakischen Republik. Šámal war einer der Haupt-Organisatoren des Widerstands gegen Österreich-Ungarn und viele Jahre lang unter Präsident Tomáš Garrigue Masaryk dessen treuer Kanzler, später auch für kurze Zeit unter Edvard Beneš. Nach der deutschen Okkupation war er ein führender Vertreter des Inlandswiderstands gegen die Nationalsozialisten. Ende Januar 1940 wurde Přemysl Šámal von der Gestapo verhaftet, grausam verhört und dann nach Berlin überführt, wo er im Vorfrühling 1941 starb.

In Prag lebt sein Sohn Jaromír Šámal, Zoologe und Entomologe (er beschäftigt sich leidenschaftlich mit einer besonderen Gruppe von Wasserinsekten – Steinfliegen und Eintagsfliegen). Mit seiner Ehefrau Milada hat er zwei kleine Kinder, Jiří und Alena. Nur dass auch Jaromír Šámal von der Gestapo verhaftet und während der Heydrichiade ermordet wird. Ehefrau Milada erfährt von seinem Tod aus dem Radio, wo allabendlich die Listen der Erschossenen verlesen werden. Und als sie am nächsten Tag hingeht, um die persönlichen Dinge ihres Mannes abzuholen, wird auch sie verhaftet und deportiert, erst nach Theresienstadt und dann ins Vernichtungslager Auschwitz, es heißt, sie gehöre „zum Zirkel der destruktiven intellektuellen Schicht, Rückkehr unerwünscht“. Ihre Kinder, den neunjährigen Jiří und die fünfjährige Alena, verschleppt die Gestapo an einen unbekannten Ort.

Die Großeltern der Kinder (also Miladas Eltern) unternehmen große Anstrengungen, um die Kinder ausfindig zu machen, erfahren aber nach einiger Zeit, dass die beiden zur Germanisierung bestimmt sind. Der Grund – ich zitiere das deutsche Dokument:

„Jiří und Alena sind ohne Eltern verblieben, und es galt zu verhindert, dass sie von den übrigen Familienangehörigen zu Feinden des Reiches erzogen werden. Die Kinder wurden deshalb per Entscheidung des Rasse- und Siedlungshauptamts zur weiteren Führung übergeben. Soweit bekannt, befinden sich die Kinder in einer Erziehungsanstalt.“

Milada, die nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden ist, meldet sich per Postkarte bei ihrer Mutter und ihrem Vater und fragt darin nach den Kindern, ob sie gesund sind u.s.w. Frau Cebeová, so heißt ihre Mutter, die Grußmutter der Kinder, steht vor einem großen Dilemma.

Kleiner Einschub: Als ich bei meiner Suche in diesem Fall im Archiv das Tagebuch von Frau Cebeová aus jener Zeit fand, das die Überschwemmung von 2002 überdauert hat, und begann, die verwaschenen Sätze darin zu entziffern, verschlug es mir die Sprache. Wie irrsinnig muss das Dilemma gewesen sein, in dem sie sich befand! Soll sie ihrer Tochter, die schwere Zeiten im Konzentrationslager verlebt, die ihren Mann und ihr Zuhause verloren hat, die grausame Wahrheit schreiben, dass sie von den Kindern keine Nachricht hat? Oder soll sie lügen und das Gegenteil behaupten? Sie entscheidet sich für die barmherzigen Lüge und beginnt ihrer Tochter zu schreiben, was die Kinder alles erleben, was sie schon können, und ahmt ihre Handschriften nach.

Dieses merkwürdige „Spiel“ geht bis zum Herbst 1943 so weiter. Damals besucht ein unbekannter Mann die Cebes, er ist Deutscher und stellt sich als Arzt vor. Diskret sagt er:

„Ihr Enkel und ihre Enkelin wohnen bei uns. Georg besucht das Gymnasium und heißt weiterhin Samal, das haben wir den Kindern gelassen. Er ist mittelmäßig gut in der Schule, da er die Grundlagen des Deutschen noch nicht voll beherrscht. Und ich wünsche mir, dass er im Winter Skilaufen lernt. Alenka geht in die Erste Klasse und heißt offiziell Lena Samal. Aber bei uns zu Hause ist sie Alena. […] Ich muss Ihnen sagen, dass wir die Kinder sehr lieb haben. Aber ich möchte unterstreichen, dass wir ihnen ihre Herkunft nicht nehmen wollen, auf keinen Fall.“

Als Herr Cebe ihn fragt, wo sie wohnen, entschuldigt sich der unbekannte Mann:

„Ich kann es ihnen noch nicht sagen, zum Wohle aller, der Kinder, unserer und ihrer selbst. Die Behörden könnten sie uns wegnehmen, und das wäre in diesen Zeiten gar nicht gut. Was ich Ihnen wohl sagen kann, ist, dass wir in Süddeutschland daheim sind, wo es keine Bombardements gibt.“

Knapp ein halbes Jahr darauf trifft bei den Cebes ein Briefumschlag mit Fotos von den Kindern ein, die sie Milada ins Konzentrationslager weiterschicken. Aber mehr erfahren sie von den Kindern nicht.

Jetzt mache ich einen zeitlichen Sprung. Der Krieg ist vorbei, es ist Mai 1945. Milada Šámalová hat Auschwitz überlebt und kehrt nach Hause zurück, wo sie feststellt, dass die Kinder vermisst werden und dass ihre Mutter sie die ganze Zeit über barmherzig belogen hat. Sie erleidet einen Zusammenbruch. Ihr Bruder schaltet sich ein und beginnt, die beiden Kinder aufzuspüren, eine internationale Suche wird angestrengt. Am Ende ist es der Anruf eines Herrn namens Vančura aus Prag-Modřany, der weiterhilft: Er hat von zwei Kindern aus der Familie eines bekannten tschechischen Politikers gehört, die in Weinheim bei Heidelberg leben. Das ist eine wichtige Spur. Am Ende findet Miladas Bruder die Kinder tatsächlich bei der deutschen Familie Weiss, in deren einfühlsamer Obhut. Als der Onkel die Kinder ihrer Mutter Milada zurückbringt, sagt er: „Jetzt weiß ich, dass auch in dieser zu Tode verletzten Welt Wunder geschehen.“

Schwarzweiß-Foto einer Stadt mit Hausfassaden und einer Straße, auf der sich Soldaten befinden, überwiegend auf der Straße sitzend

Weinheim während der Besatzung durch die US-Armee

Von nun an entspinnt sich zwischen den beiden Familien – der tschechischen und der deutschen – eine rege Korrespondenz, aus der die Weissens erfahren, wie es den Kindern geht, und die Cebes Informationen über das Leben in Nachkriegsdeutschland erhalten. Direkt nach dem Krieg, im August 1945, schreibt Frau Weiss auf Deutsch die gesamte Geschichte von der Auffindung bis zur Übergabe der Kinder aus ihrer Sicht und ihrem Erleben auf. Sie nennt die Gründe für die Adoption, die Angst vor Kontrollen durch die SS, ihre erzieherischen Grundsätze und auch ihre Bemühung, die Cebes aller Gefahr zum Trotz während der Zeit des Krieges wenigstens andeutungsweise zu informieren. Frau Weiss schreibt:

„Die Kinder waren sehr gut erzogen, und ich begriff, dass ich nichts verbessern konnte, eher konnte ich etwas verderben. Aber vor allem erkannte ich, wie grausam sie dem glücklichen Kindheitsparadies ihres tschechischen Heims entrissen worden waren. Je länger es dauerte, desto absurder kam es mir vor, dass ich diese Kinder ihrer Muttersprache, ihrer Herkunft und ihrer Namen berauben sollte.“

Beide Familien, die tschechische und die deutsche, sandten einander Weihnachtsgrüße. Und auch der Eiserne Vorhang kann das Band in den darauffolgenden Jahren nicht zerreißen, eher ist das Gegenteil der Fall. 1956 kommen die Weissens zum ersten Mal nach Prag. Neun Jahre später besuchen Alena und Jiří Weinheim. Und Alena erinnert sich:

„Die Tante und der Onkel haben uns in jeder Hinsicht unterstützt. […] Meine Mutter vergaß den Weissens nie, was sie für uns getan hatten, sie schätzte sie für ihre Großzügigkeit. Herr und Frau Weiss ihrerseits waren glücklich, dass sie ihnen nicht übelnahm, was die Deutschen unserer Familie angetan hatten, und bewunderten die innere Stärke, mit der sie alles verwand, was ihr geschehen war. Das, was unsere Mutter zu uns damals sagte, unmittelbar nach unserer Heimkehr, als ich noch ein kleines Mädchen war, hat sich mir tief ins Gedächtnis eingegraben: ‚Kinder, beurteilt die Menschen niemals nach ihrer Nationalität! Die Grenzen verlaufen nicht zwischen Völkern – sie verlaufen zwischen guten und schlechten Menschen.‘“

Jiří Šámal wird Arzt.

Alena Šámalová studiert nach dem Vorbild ihrer Eltern Naturwissenschaften.

Milada Šámalová stirbt 1981.

Alena Šámalová geht in den 1980er Jahren nach Deutschland und zieht nach Weinheim, wo sie ihre an Sklerose erkrankte deutsche Adoptivmutter, Tante Elsbeth Weiss, bis zu deren Tod 1986 hingebungsvoll pflegt.

Zwei scheinbar gegensätzliche Welten aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs verbinden sich in menschlicher Solidarität und Empathie und zeigen, dass dies der Weg ist, der ins Leben führt.

Dritte Geschichte: Die Benediktiner aus Braunau in Rohr in Niederbayern

Als Anastáz Opasek, der junge, kaum dreißig Jahre alte Prior des Benediktinerklosters in Prag-Břevnov, im Mai 1945 über die dramatische Situation im Grenzgebiet informiert wird, versucht er die deutsche Ordensgemeinschaft aus dem Kloster Braunau zu retten, indem er mit vielen einflussreichen Politikern verhandelt, selbst kommunistischen. Břevnov und das Kloster Braunau bilden damals eine Verwaltungseinheit, und beide Ordensgemeinschaften waren bis zur Annexion durch Hitler 1938 organisch miteinander verbunden. Opasek rettet vielen Sudetendeutschen, darunter auch Mitglieder des Braunauer Benediktinerordens, das Leben. Er schützt sie vor den tschechischen Blutrünstigen, wie er selbst die grausamen Rächer nennt, und trägt mit großem Einsatz dazu dabei, das „Kloster“ nach Bayern zu verlegen.

Schwarzweiß-Foto eines Mannes mit Brille

Anastáz Opasek

Tatsächlich sind seine menschlichen Erfahrungen mit den Deutschen während der Besatzungszeit alles andere als schwarz-weiß. Er lernt Mörder kennen, aber auch Menschen, die ihm und seiner Gemeinde effektiv helfen, so etwa den Kommandanten einer Wehrmachtseinheit, der verhindert, dass die SS ins Kloster Břevnov einfällt. Symbolisch an Opaseks Leben ist auch, dass er nach der Okkupation von August 1968 eine neue Heimat in Deutschland findet, im Kloster Rohr in Niederbayern, wo er erneut in „Wort und Tat“ über eines seiner Lebensthemen nachdenkt, die tschechisch-deutsche Frage. Und symbolisch ist nicht zuletzt auch, dass er gerade während eines Kurzbesuches in Rohr in Niederbayern – 1990 kehrte er in sein Heimatkloster in Břevnov zurück – im August 1999 plötzlich stirbt.

Gewissen, Mitgefühl, Solidarität

Cölestin Baier, die Familie Šámal, die Familie Weiss und Anastáz Opasek betonen in ihrer Haltung die Wichtigkeit von menschlichem Gewissen, Mitgefühl und Solidarität als Grundkonstanten menschlichen Handelns, unabhängig von jeder politischen Situation. Opasek bezeichnet dieses Heraustreten aus sich selbst und auf den anderen sogar als „Pflicht zum eigenen Gewissen“. Und fügt hinzu, dass er in keiner Weise eine Kollektivschuld des deutschen Volkes anerkennen könne, weil

„schließlich jeder für sich selbst verantwortlich ist und wir für das Böse, was wir tun, verurteilt werden sollen; wer nichts getan hat, kann auch nicht verdammt sein und sollte nicht aus dem Land geworfen werden, in dem er gelebt hat. Man kann nicht einen Menschen einer Schuld bezichtigen, die ein anderer begangen hat. Das war eine verrückte Deutung von Schuld.“

Wenn Jürgen Serke also schreibt, Europa sei in Prag gestorben, so zeugen doch all diese Geschichten und viele weitere davon, dass Europa nicht gestorben ist; weder in Prag noch in Brünn noch in Berlin, sondern dass wir unser altehrwürdiges Europa mit solchen Taten und Geschichten reinigen und erneuern können, mit dem Erzählen von Geschichten, die von Gewissenstreue, Mitgefühl und von Solidarität handeln. Also von Werten, die uns erwecken und kathartisch wirken.

Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka.

Miloš Doležal
ist Lyriker, Schriftsteller und Journalist.

Aus dem Magazin Das literarische Atlantis taucht auf

Zur tschechischen Originalversion des Beitrags