Netzwerke deutschsprachiger Prager Kultur in der Zwischenkriegszeit

Zwischen den beiden Weltkriegen war das kulturelle Geschehen in Prag von einer Reihe tiefgreifender wirtschaftlicher und politischer Umwälzungen geprägt, die sich unmittelbar auf das ohnehin dynamische und komplexe Verhältnis zwischen der tschechisch- und der deutschsprachigen Bevölkerung auswirkten. Eine Folge der divergierenden Entwicklung dieser Zeit ist die Fokussierung der tschechischen Kultur- und Kunstgeschichte auf die „eigene“ (soll heißen: tschechische bzw. tschechoslowakischen) Avantgarde, die sich in diesen Jahren konstituierte. Erst viel später wurde diese Perspektive ergänzt um die parallelen Geschichten der deutschen (böhmischen), jüdischen, ukrainischen, ungarischen u.a. Minderheiten. Darunter war die Gruppe der Deutschsprachigen (zu der auch ein großer Teil der Juden gehörte) mit Abstand die größte und bedeutendste. Es ist evident, dass sie die Kultur der Zwischenkriegszeit ganz maßgeblich mitprägte. Eine entscheidende Besonderheit der deutschsprachigen Künstler:innen, Literat:innen etc. dieser Zeit war, dass sie – freiwillig oder unfreiwillig aufgrund politischer Entwicklungen – ein hohes Maß an Mobilität besaßen, was sich verständlicherweise auf kulturelle Innovationen und internationale Kontakte auswirkte.

Ziel des Kolloquiums ist ein interdisziplinärer Dialog über bislang weitgehend vernachlässigte Themen dieser Entwicklung und ein neuer, kulturell inklusiver Blick auf die Prager Kulturszene der Zwischenkriegszeit. Von Interesse ist dabei die gesamte deutschsprachige Kultur, d.h. sowohl die Deutschböhmen, auch wenn sie vielleicht außerhalb der Tschechoslowakei lebten (wie Melchior Vischer), aber auch Österreicher (wie Oskar Kokoschka oder Alfred Kubin), Deutsche (wie die Berliner Dadaisten) und deutschsprachige Juden aus den verschiedenen Teilen der ehemaligen Habsburger Monarchie, sofern sie mit dem kulturellen Geschehen in Prag in Berührung standen.

Nach 1918 spielte Prag eine bedeutende Rolle als Zentrum der Kunst nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern war im Begriff zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren Europas zu werden. Die Voraussetzungen dafür waren günstig: Die Stadt lag immer schon am Schnittpunkt mehrerer Kulturen, der neue Staat brauchte eine eigene kulturelle Identität, die junge heimische Kunstszene emanzipierte sich von ihren mitteleuropäischen Wurzeln und orientierte sich mehr nach Westen (nach Frankreich, Holland, Deutschland). Am Beispiel Prags können wir in nur 20 Jahren eine ganze Reihe wichtiger mitteleuropäischer Phänomene beobachten:

  • Ausbildung eines Nationalstaats,
  • Besonderheiten einer multiethnischen und multikulturellen Gesellschaft,
  • Einfluss und Auswirkungen großer Migrationsbewegungen auf die Gesellschaft,
  • kulturelle Auseinandersetzungen mit dem aufkommenden Nationalsozialismus wie auch mit dem Kommunismus,
  • die Bedeutung der Sprache(n) für die Kultur,
  • Verbreitung neuer avantgardistischer Strömungen und Trends etc.

Für die Prager Kulturszene sind in Bezug auf den Kontakt zur deutschsprachigen Welt zwei Zeiträume von besonderer Bedeutung: Zu Beginn der 1920er Jahre war Prag Station der großen Dada-Tournee der Berliner Dadaisten (zu denen auch Kurt Schwitters, Richard Huelsenbeck, Hannah Höch und Raoul Hausmann gehörten – letzterer ein Wiener mit tschechischen Wurzeln und tschechoslowakischer Staatsbürgerschaft in der Zwischenkriegszeit). Dann, um die Mitte der 1930er Jahre, bot Prag zumindest vorübergehend zahlreichen aus Deutschland und Österreich emigrierten Künstler:innen Asyl, darunter wieder eine ganze Reihe ehemaliger Dadaisten (Hausmann, John Heartfield, Walter Serner).

Die tschechische Kultur und Geschichte bis 1948 war stark multiethnisch und mehrsprachig geprägt, die kulturelle Geschichtsschreibung aber, die größtenteils nach diesem Datum erfolgte, hat viele wichtige Aspekte dieser „Zusammenarbeit” ignoriert – mit Ausnahmen. John Heartfield etwa war einer der wenigen, der wegen seiner kommunistischen Orientierung auch nach dem Zweiten Weltkrieg in die Tschechoslowakei eingeladen wurde (u.a. Ausstellung in Brünn in 1965). Zugleich hielten einige Akteur:innen (wie Johannes Urzidil, Raoul Hausmann, Hannah Höch, Augustin Tschinkel, Mary Duras und Dutzende anderer deutschsprachiger Künstler:innen, Literater:innen, Komponist:innen) ihr Netzwerk an Kontakten auch dann aufrecht, als sie gezwungenermaßen buchstäblich über die ganze Welt verstreut wurden. Darüber lässt sich heute viel aus den erhaltenen Korrespondenzen erfahren, die auch Rückschlüsse auf die Prager Zwischenkriegszeit aus Sicht der deutschsprachigen Minderheit bieten.

Uns interessieren insbesondere Fragen wie diese:

  • Wie funktionierte das Netzwerk in der europäischen Kulturszene der Zwischenkriegszeit? Wer stand mit wem in Kontakt, wer half wem bzw. gerade nicht?
  • Wie gestalteten sich die Beziehungen zwischen den deutschsprachigen Akteur:innen und wie waren sie mit der tschechischen Kultur verbunden? Wer spielte dabei eine wichtige Rolle bei Vermittlung, Übersetzung, Organisation? (Vgl. etwa die Rolle des Brünner Devětsil unter der Leitung von Bedřich Václavek und Artuš Černík, Adolf Hoffmeister, Emil František Burian u. a.)
  • Gab es Widerstand und/oder Rivalität gegenüber der deutschsprachigen Kultur seitens tschechischer Künstler oder Theoretiker (z.B. die Rolle von Karel Teige)?
  • Wie sah die deutschsprachige theoretische Basis aus bzw. gab es sie überhaupt? (vgl. die Rolle von Persönlichkeiten wie Johannes Urzidil, Oskar Schürer, Otto Kletzl u.a.)
  • Welche Funktionen hatten Vereine und Zeitschriften? Auf welchen Plattformen gedieh dieses Netzwerk an Kontakten?
  • Wie und inwieweit war Prag mit anderen europäischen Zentren (Wien, Berlin, Zürich, Dresden, Budapest, München usw.) verbunden, und welche Rolle spielte dabei die deutsche Sprache? Traditionell dachte man in der Zwischenkriegszeit vor allem an Paris, wohin die Vertreter von Devětsil und Mánes Kontakte unterhielten.
  • Was blieb von diesen Kontakten nach der endgültigen Trennung von Tschechen und Deutschen nach 1948 lebendig und fruchtbar?
  • Was macht Prag als Schlüssel zum Verständnis Mitteleuropas so spezifisch und bedeutend?

Das Kolloquium über die deutschsprachige Kunst der Zwischenkriegszeit in Prag setzt sich zum Ziel, bisher vernachlässigte Themen und Personen zu untersuchen, und bringt dazu Expert:innen aus verschiedenen Disziplinen wie Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Musik- und Theaterwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Soziologie usw. zusammen.

Exposés können auf Deutsch, Englisch oder Tschechisch bis zum 30. Mai 2026 per Mail eingereicht werden. Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Veranstalter:

Adalbert Stifter Verein – Kulturinstitut für die böhmischen Länder, München
Institut für Kunstgeschichte der Karls-Universität, Prag
Österreichische Galerie Belvedere, Wien

Kontakt:

Dr. Lenka Kerdová (lenka.kerdova@hotmail.com) – Konzeption

Dr. Franziska Mayer (mayer@stifterverein.de) – Organisation