Symposium
Die letzten Tage der Menschheit
Die europäische Idee bei Karl Kraus und heute

Wikimedia Commons/Österreichische Nationalbibliothek
Motto: „Was bedeutet Europa überhaupt für die Tschechen, Ungarn und Polen? Diese Völker waren von Anfang an Teil eines im römischen Christentum verwurzelten Europas. Sie waren an allen Phasen seiner Geschichte beteiligt. Der Begriff ‚Europa‘ stellt für sie kein geografisches Phänomen dar, sondern einen geistigen Begriff, der gleichbedeutend mit dem Wort ‚Westen‘ ist.“ (Milan Kundera: Der entführte Westen)*
Das jährliche deutsch-tschechische Symposium in Brünn widmet sich heuer dem Kritiker, Schriftsteller und Publizisten Karl Kraus, der am 28. April 1874 im böhmischen Gitschin/Jičín geboren wurde. Der Titel lehnt sich an sein Theaterstück „Die letzten Tage der Menschheit“ von 1923 an, das den Widerhall des Ersten Weltkriegs in der deutschen und österreichischen Publizistik bitter-satirisch verarbeitet. Der Untertitel „Die europäische Idee bei Karl Kraus und heute“ hebt einen Aspekt seines Werks hervor, der auch heute noch aktuell ist: Kraus trat als entschiedener Kritiker des Nationalismus gegen jene Mehrheit auf, die während des Ersten Weltkriegs dem Patriotismus zugunsten der einen oder anderen beteiligten Partei verfallen war. Er war jedoch nicht allein: Auch andere deutschschreibende Autoren aus den böhmischen Ländern waren Botschafter der europäischen Idee. Heute haben sie ihre Nachfolger. Einige von ihnen nehmen an unserem Symposium teil.
Der erste Teil des Symposiums konzentriert sich auf die Frage nach der Haltung des Autors zu außerliterarischen, gesellschaftlichen Themen, wie sie sich bei tschechisch- und deutschschreibenden Künstlern manifestierte. Der zweite Teil ist den aktuellen politischen Deutungen der europäischen Idee gewidmet. An dem Symposium nehmen zeitgenössische Schriftsteller, Literaturhistoriker, Politologen, Historiker und Politiker aus der Tschechischen Republik, Deutschland und Österreich teil.
*Milan Kundera: Der entführte Westen. Die Tragödie Mitteleuropas. Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Zürich: Kampa Verlag 2023, S. 44–45.
Programm
MITTWOCH, 18.11.2026, 18:00 Uhr
Buchvorstellung im Konferenzsaal der Mährischen Landesbibliothek, Kounicova 65a, Brünn
Peter Lange: Vertraute Fremde
„Als sie durch die Straßen von Prag ging, traf sie mehr Bekannte als in Berlin“, schrieb die Ärztin und Sozialdemokratin Käte Frankenthal im Exil. Nach 1933 strömten Tausende deutscher Exilanten in die Hauptstadt: Ernst und Karola Bloch, Bertolt Brecht, Wilhelm Cassirer, Oskar Maria Graf, Stefan Heym, Leo Kestenberg, Gabriele Tergit und viele andere. Prag und Brünn waren nicht nur leichter zu erreichen als Paris oder Amsterdam, insbesondere von Berlin aus, sondern standen den meisten von ihnen auch kulturell näher: Dort wurde Deutsch gesprochen.
Der Autor Peter Lange, ehemaliger Rundfunkkorrespondent für die ARD und das Deutschlandradio mit Sitz in Prag, stellt sein neuestes Buch vor, das die Schicksale von vierzig Emigranten im Exil nachzeichnet und 2025 beim Verlag Schöffling & Co. erschien. Eintritt frei, der Abend wird gedolmetscht.
DONNERSTAG, 19.11.2026
Mährisches Landesmuseum, Palais Dietrichstein, Zelný trh 8, Brünn
14:00–14:10 Begrüßung und Einleitung durch Milan Uhde
Karl Kraus und seine Zeitgenossen gegen den Krieg
14:10–14:50 Isabel Langkabel: Wort gegen Gewalt: Karl Kraus zwischen Erstem Weltkrieg, Justizpalastbrand und europäischer Moderne
14:50–15:30 Uhr Sylvie Richterová: Jaroslav Hašek: Humor als Distanz, Erkenntnis und Mut
15:30–16:10 Uhr Alena Wagnerová: Karl Kraus und seine Heimat Böhmen
16:10–16:30 Uhr Kaffeepause
16:30–18:00 Literarische Aspekte des Europäertums. Podiumsdiskussion mit Pavla Horáková, Matthias Nawrat und Kateřina Tučková. Moderation: Zuzana Jürgens
FREITAG, 20.11.2026
Mährisches Landesmuseum, Palais Dietrichstein, Zelný trh 8, Brünn
Kultur und Politik im Schatten des Weltkriegs
9:00–9:40 Jiří Munzar: Der Europäer Oskar Kokoschka
9:40–10:20 Peter Becher: Emil Franzel und Karl Kraus
10:20–11:00 Eleonora Jeřábková: Der tschechoslowakische Staatsbürger Heinrich Mann und sein Roman „Der Untertan“ oder die Entstehung des Totalitarismus
11:00–11:30 Uhr Kaffeepause
Die Welt von Morgen: Reden wir über Europa!
11:30–12:10 Uhr Jiří Hanuš: Europäische Kultur nach den Katastrophen. Ein Blick auf George Steiner und seine Aktualität
12:10–12:50 Uhr Miloš Doležal: Europäertum – also einen Herkunftsort zu haben. Gustav Mahler, Josef Hoffmann, Bohuslav Reynek
12:50–14:00 Mittagspause
14:00–14:30 Impulsvorträge: Petr Fiala, Robert Menasse und Bernd Posselt
14:30–16:30 Politische und gesellschaftliche Aspekte des Europäertums. Podiumsdiskussion mit Robert Menasse, Petr Fiala und Bernd Posselt. Moderation: Mojmír Jeřábek
16:30–16:50 Milan Uhde: Zusammenfassung des Symposiums und Ausblick auf 2027
16:50–17:15 Verabschiedung bei Kaffee
Unter der Schirmherrschaft der Oberbürgermeisterin der Stadt Brünn.
Die Tagung wird simultan gedolmetscht.
Eine Veranstaltung des Deutschen Kulturvereins Region Brünn / Německý kulturní spolek region Brno und des Adalbert Stifter Vereins – Kulturinstitut für die böhmischen Länder.
Kooperationspartner: Festival Meeting Brno, Mährisches Landesmuseum, Mährisches jüdisches Museum MEHRIN und Mährische Landesbibliothek
Gefördert durch: Bundesministerium des Innern, Deutsch-Tschechischer Zukunftsfonds und Stadt Brünn