Tagung

Netzwerke deutschsprachiger Prager Kultur im 20. Jahrhundert

Interdisziplinäres Kolloquium

Schwarz-weiß-Reproduktion eines dadaistischen Gemäldes von Kurt Schwitters; auf dem Rand der Postkarte handschriftlicher Text von Schwitters

Nach 1918 spielte Prag eine bedeutende Rolle als Zentrum der Kunst nicht nur in der Tschechoslowakei, sondern war im Begriff zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren Europas zu werden. Die Voraussetzungen dafür waren günstig: Die Stadt lag immer schon am Schnittpunkt mehrerer Kulturen, der neue Staat brauchte eine eigene kulturelle Identität, die junge heimische Kunstszene emanzipierte sich von ihren mitteleuropäischen Wurzeln und orientierte sich mehr nach Westen.

Für die Prager Kulturszene sind in Bezug auf den Kontakt zur deutschsprachigen Welt zwei Zeiträume von besonderer Bedeutung: Zu Beginn der 1920er Jahre war Prag Station der großen Dada-Tournee der Berliner Dadaisten (zu denen auch Kurt Schwitters, Richard Huelsenbeck, Hannah Höch und Raoul Hausmann gehörten – letzterer ein Wiener mit tschechischen Wurzeln und tschechoslowakischer Staatsbürgerschaft in der Zwischenkriegszeit). Dann, um die Mitte der 1930er Jahre, bot Prag zumindest vorübergehend zahlreichen aus Deutschland und Österreich emigrierten Künstlerinnen und Künstlern Asyl, darunter wieder eine ganze Reihe ehemaliger Dadaisten (Hausmann, John Heartfield, Walter Serner).

Die tschechische Kultur und Geschichte bis 1948 war multiethnisch und mehrsprachig geprägt, die kulturelle Geschichtsschreibung aber, die größtenteils nach diesem Datum erfolgte, hat viele wichtige Aspekte dieser „Zusammenarbeit” ignoriert – mit Ausnahmen. John Heartfield etwa war einer der wenigen, der wegen seiner kommunistischen Orientierung auch nach dem Zweiten Weltkrieg in die Tschechoslowakei eingeladen wurde. Zugleich hielten einige Akteure (wie Johannes Urzidil, Raoul Hausmann, Hannah Höch, Augustin Tschinkel, Mary Duras und Dutzende anderer) ihr Netzwerk an Kontakten auch dann aufrecht, als sie gezwungenermaßen buchstäblich über die ganze Welt verstreut wurden.

Das Kolloquium bringt Expertinnen und Experten aus verschiedenen Disziplinen wie Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Musik- und Theaterwissenschaft zusammen.

Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch, es wird nicht gedolmetscht.

Programm:

9.00–9.15            Begrüßung

1. Avantgarden

9.15–9.30             Lucy Byford: Dada siegt? Revisiting Richard Huelsenbeck and Raoul Hausmann’s Dada Tour Performances in Prague, 1920

9.30–9.45            Birgit Schwarz: Musik-Dada Erwin Schulhoff und die Dada-Malerei

9.45–10.00         Miroslav Halak: „Heterochronische Moderne in einem heterotopischen Prag.“ Das Potenzial einer übersehenen Kunstmetropole

10.00–10.45       Diskussion

10.45–11.15          Kaffeepause

2. Bühne

11.15–11.30          David Vondráček: Einmal mehr Deutsche, Tschechen und Juden? Zur Erforschung deutschsprachiger Netzwerke im Prager Konzertleben

11.30–11.45         Tomáš Kubart: Emil Pirchan als Knotenpunkt. Aus dem Leben der Insekten und der Theatertransfer zwischen Berlin, Prag und Brünn

11.45–12.00        Iva Mikulová: Von der Peripherie ins Zentrum: Langers Periferie im mitteleuropäischen Theaternetzwerk der 1920er Jahre

12.00–12.45        Diskussion

12.45–14.00       Mittagspause

 3. Exil/Politisierung der Kunst

14.00–14.15       Alexander Klee: „Jesters in Earnest“ – Tschechische Zeichner im Widerstand

14.15–14.30        Camilla Balbi / Maria Diletta Giordano: Émigré gaze, transnational networks, and the Sudetenkrise

14.30–14.45       Jindřich Toman: Pictures in Print: John Heartfield’s Czech Images of the 1930s

14.45–15.00       Pavol Múdry: From Prague Exile to the Antifascist State Narrative: John Heartfield and the Cultural Relations between the GDR and Czechoslovakia

15.00–15.45       Diskussion

15.45–16.15        Kaffeepause

4. Netzwerke

16.15–16.30        Marie Rakušanová: Photographing Art, Mapping Heritage: German-Speaking Scholarly Networks in Interwar Czechoslovakia

16.30–16.45       Hana Buddeus: Fragile Networks: Aenne Biermann and Otakar Štorch-Marien

16.45–17.00      Václav Petrbok: Oskar Wiener als Netzwerker der Prager Schlaraffia

17.00–17.45       Diskussion

18.00 Uhr         Ende

Eine Veranstaltung des Adalbert Stifter Vereins – Kulturinstitut für die böhmischen Länder, des Instituts für Kunstgeschichte der Karls-Universität, Prag, und der Österreichischen Galerie Belvedere, Wien.


Uhr

Sudetendeutsches Haus München
Hochstraße 8
München

Eintritt: frei

Um Anmeldung unter mayer@stifterverein.de wird gebeten