Vom Atlantis der Kunst zur gemeinsamen Geschichte

Über die „Heimkehr“ der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder nach 1989

von Václav Petrbok

30. Oktober 2026

Als die deutsch geschriebene Literatur der böhmischen Länder nach 1989 begann, in den tschechischen Kulturraum zurückzukehren, handelte es sich nicht um die Entdeckung eines unbekannten Kontinents, sondern um das Wiederfinden einer Landschaft, die über Jahrzehnte hinweg nur teilweise sichtbar gewesen war. Einige ihrer Autoren – z. B. Egon Erwin Kisch, Marie von Ebner-Eschenbach, Adalbert Stifter oder Franz Kafka – waren nie vollständig aus dem tschechischen kulturellen Bewusstsein verschwunden. Den meisten Autorinnen und Autoren jedoch blieb die Aufmerksamkeit der Leser, Schulen und auch der Literaturgeschichte versagt. Dieser Zustand war nicht das Ergebnis eines einzigen historischen Ereignisses, sondern er hatte sich infolge der dramatischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts allmählich herausgebildet. Die nationalsozialistische Besatzung, die Zwangsaussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Krieg und das ideologische Klima in der kommunistischen Tschechoslowakei hatten dazu geführt, dass die in deutscher Sprache verfasste Literatur über lange Zeit hinweg vor allem durch das Prisma des Nationalitätenkonflikts betrachtet worden war. Die Deutschböhmen und -mährer wurden als Feinde des tschechischen Staates abgestempelt und ihre Literatur wurde als Teil einer anderen, „fremden“ Geschichte aufgefasst, nicht etwa als Teil des kulturellen Erbes des Landes, in dem sie entstanden war.

Das Bild der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder wurde nach 1948 erheblich reduziert und ideologisch umgeformt. Zwar hörte ihre Rezeption nie völlig auf, sie war jedoch äußerst selektiv. Bereits ab Mitte der 1950er Jahre zeigten sich erste Anzeichen einer Veränderung. Pavel Eisner eröffnete tschechischen Lesern durch neue Übersetzungen und Interpretationen erneut den Weg zum Werk Kafkas, während sich Emanuel Frynta systematisch nicht nur mit Franz Kafka beschäftigte, sondern mit der Prager deutschen Literatur überhaupt. Auch in der Sphäre der inoffiziellen Kultur blieb das Interesse an Kafkas Werk bestehen.

Diese Impulse sowie die Lockerung der politischen Verhältnisse mündeten in die erste Liblicer Konferenz über Franz Kafka (1963), die den Boden dafür bereitete, dass sein Werk und allmählich auch die gesamte Prager deutsche Literatur, die bis dahin vor allem durch das Prisma der fortschrittlichen humanistischen Tradition interpretiert worden war, neu gelesen wurde. Es folgten Neuausgaben von Kafkas Werken, die tschechische Übersetzung seiner von Max Brod verfassten Biografie sowie eine Auswahl aus der Publizistik Brods.

Die zweite Liblicer Konferenz (1965) erweiterte den Fokus von Kafkas Werk im engeren Sinne hin zum breiteren Kontext der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder und ihrem Platz in der Kulturgeschichte Tschechiens.

Die Okkupation durch die Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 und die nachfolgende Normalisierung unterbrachen diese Entwicklung, beendeten sie jedoch nicht vollständig. In den 1970er und 1980er Jahren überdauerte in der offiziellen Kultursphäre vor allem das Interesse an Autorinnen und Autoren, die den zeitgenössischen Interpretationsschemata entsprachen, vor allem an Egon Erwin Kisch und einigen links orientierten Schriftstellern. Außerdem erschienen neue Übersetzungen von Adalbert Stifter, Marie von Ebner-Eschenbach, Ferdinand von Saar, Gustav Meyrink und Franz Werfel. Einige Aufmerksamkeit erfuhr auch die tschechische Ausgabe von Ludwig Winders Roman Der Thronfolger, initiiert von Růžena Grebeníčková, die ihn übersetzt hatte (1979; mit einem Nachwort von Zdeněk Šolle, eine zweite Auflage mit eigenem Nachwort publizierte sie 1997).

Gleichzeitig begann sich Winders Werk auch im deutschsprachigen Raum wieder durchzusetzen: In der DDR knüpfte Kurt Krolop an seine langjährigen Forschungen zu diesem Autor mit einer Veröffentlichung des Romans Der Thronfolger an, und in Österreich und in der BRD war es Jürgen Serke, der ab Mitte der 1980er Jahre das Interesse an Winder neu entfachte. Einen bedeutenden Teil dieser Kontinuität stellte auch die Germanistik in Brünn und später in Olmütz dar, wo systematisch vor allem zu den deutsch schreibenden Autoren Mährens und ihrer Rezeption in tschechischer Übersetzung gearbeitet wurde.

Eine wichtige Rolle als Korrektiv spielten das tschechische Exil und die Dissidenten im Land. Eduard Goldstücker, Vilém Prečan und weitere Vertreter des tschechischen Exils nahmen die Impulse aus den 1960er Jahren wieder auf; im Samisdat (der Zeitschrift Střední Evropa)und in den Exil-Zeitschriften wurden die Diskussionen über Mitteleuropa, die mit den Namen Milan Kundera, Václav Havel und – wenn auch vermittelt – Claudio Magris, Timothy G. Ash und Jacques Rupnik verbunden waren, weitergeführt. Sie waren die Reaktion auf die intellektuelle und gesellschaftliche Stagnation der Normalisierungsjahre und hatten teilweise ein idealisiertes Bild von Mitteleuropa als Raum eines unterbrochenen kulturellen Zusammenlebens zur Folge. Aus diesem Umfeld ging auch ein programmatischer Text der Charta 77 hervor, der den Titel Právo na dějiny (1984; Das Recht auf Geschichte) trägt und dessen Autorschaft vor allem dem Historiker Rudolf Kučera zugeschrieben wird. Der Text machte die Frage, ob die Kulturgeschichte der böhmischen Länder nur als Geschichte einer einzigen sprachlichen und nationalen Tradition erzählt werden kann, neu auf.

So musste man nach 1989 nicht bei Null anfangen. Man konnte an mehrere Jahrzehnte unterbrochener, häufig unauffälliger, aber nie vollständig zum Erliegen gekommener Kontinuitäten anknüpfen. Erst jetzt jedoch eröffnete sich der Raum für neue, durch kein ideologisches Prisma zensierten Übersetzungen, Anthologien, kritische Editionen oder auch literaturgeschichtliche Synthesen. Mit anderen Worten: Es war an der Zeit, die umfangreichen weißen Flecken auszufüllen, die das 20. Jahrhundert im tschechischen kulturellen Gedächtnis hinterlassen hatte.

Der nachfolgende Text versucht nicht, einen vollständigen Überblick über die seit 1989 erschienenen Bücher oder über die Geschichte der tschechischen Germanobohemistik seitdem zu geben. Er konzentriert sich auf einige Knotenpunkte, anhand deren sich nachvollziehen lässt, wie die deutsch geschriebene Literatur der böhmischen Länder – von den ersten Versuchen, eine vergessene literarische Landschaft wieder zu benennen, über die Arbeit von Übersetzern und Übersetzerinnen, Bibliothekaren und Bibliothekarinnen und Herausgebern und Herausgeberinnen bis zu ihrer Eingliederung in die gemeinsame Literaturgeschichte der böhmischen Länder – ins tschechische kulturelle Bewusstsein zurückkehrte. Was aber stand am Anfang dieses Weges?

Erste Orientierung in einer vergessenen Landschaft

Nach 1989 zeigte sich, dass die Rückkehr der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder nicht allein Sache der Publikation einzelner Bücher sein konnte. Es war nötig, sich in einem literarischen Raum zu orientieren, der den meisten tschechischen Lesern so gut wie unbekannt war. Es fehlten nicht nur die Texte selbst, sondern häufig auch das Wissen von ihren Autoren und ihrem zeitlichen Kontext.

Eines der ersten bedeutenden Projekte nach der Samtenen Revolution war eine methodische Publikation mit dem Titel Co v učebnicích chybělo: O německy psané literatuře v českých zemích (1991; Was nicht in den Lehrbüchern stand: Über die deutsch geschriebene Literatur in den böhmischen Ländern), für das Gymnasium zusammengestellt von dem Philosophen, Historiker und Übersetzer Jaromír Loužil und redigiert von Marta Železná, der damaligen Direktorin des Nakladatelství Franze Kafky (Franz-Kafka-Verlag). Bereits der Titel beschreibt die Situation zu Beginn der 1990er Jahre treffend. Es handelte sich nicht um eine neue Literaturgeschichte, sondern um den ersten Versuch, eine Tradition in die Schulen und auch ins öffentliche Bewusstsein zurückzubringen, die aus dem Gesamtbild der Literaturgeschichte so gut wie verschwunden war. Deshalb war die neu entstehende Vorstellung von Anfang an unweigerlich fragmentarisch und vielfach abhängig vom persönlichen Interesse der Herausgeber, Übersetzer und Literaturhistoriker. Aber gerade in dieser Offenheit lag ihre Kraft.

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Co v učebnicích chybělo. O německy psané literatuře v českých zemích (1991)

Gleichzeitig gab es erste Versuche einer institutionellen Neuverankerung der tschechischen Germanobohemistik. Hierbei spielte der Übersetzer Jindřich Pokorný eine wichtige Rolle, der in Zusammenarbeit mit Václav Bok unter dem Titel Moravo, Čechy – radujte se (1998; Mähren, Böhmen – freut euch) eine Anthologie mittelalterlicher deutscher Poesie herausgab und auch herausgeberisch an Peter Demetz’ Pražská léta Rainera Marii Rilka (1998; René Rilkes Prager Jahre) beteiligt war. Auch die Nadace R. M. Rilka (Rainer-Maria-Rilke-Stiftung), die von Jindřich Pokorný geleitet wurde, trug zur Schaffung dieses Raums bei. Neben editorischen Projekten, Fachkonferenzen (z. B. zu Arnošt Kraus, 1998) und dem laufenden Geschäft der Společnost R. M. Rilka (Rainer-Maria-Rilke-Gesellschaft) setzte sie sich für die Wiederentstehung der tschechischen Germanobohemistik ein und unterstützte übersetzerische und philologische Arbeiten. Pokorný begriff Übersetzung als Teil einer breiter gefassten literaturhistorischen und kulturellen Aufgabenstellung, auf die er im Rahmen seines pädagogischen Wirkens an der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität bewusst eine neue Generation von Übersetzern deutscher Literatur vorbereitete. Dabei galt seine besondere Aufmerksamkeit der älteren deutschen Literatur, vor allem mittelhochdeutschen Texten, deren Übersetzung eine Verbindung von sprachlicher, philologischer und literaturhistorischer Bildung erforderte. Obwohl die Mehrzahl dieser Initiativen nur begrenzten Widerhall erfuhr, lieferten sie einen wichtigen Impuls für die Erneuerung der tschechischen Germanobohemistik nach 1989.

Einen weiteren Meilenstein markierte Pravoslav Kneidls Anthologie Pražská léta německých a rakouských spisovatelů (1997; Prager Jahre deutschsprachiger Autoren. Hier lebten nicht nur Kafka und Werfel …). Anhand von Ausschnitten aus belletristischen Texten, Memoiren und publizistischen Texten stellt sie Prag als gemeinsamen Raum tschechischer, deutschsprachiger und jüdischer Autoren dar. Neben Namen, die heute schon als kanonisch gelten dürfen, enthielt sie auch eine Reihe von weniger bekannten Texten und Autoren. Die Ausrichtung des Bandes auf Prag war zugleich sein größter Vorzug wie auch seine Begrenzung. Die Anthologie deckte zwar nicht die gesamte Breite der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder ab, eröffnete tschechischen Lesern jedoch erstmals eine Welt, die bislang weitgehend nur Fachleuten bekannt gewesen war. Sie zeigte überzeugend Prag als Ort gemeinsamer literarischer und kultureller Erfahrung mehrerer Sprachen und Kulturen.

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Pražská léta německých a rakouských spisovatelů (1997)

Auch die herausgeberische Tätigkeit des Nakladatelství Franze Kafky, der seit seiner Gründung im Jahre 1990 ein Verlagsprogramm entwickelte, das weit über Kafkas Werk hinausreichte, trug wesentlich zur Schaffung eines neuen Bildes von der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder bei. Neben tschechischen Neuübersetzungen von Franz Kafkas Werken (1997–2007), die von Josef Čermák, Viola Fischerová, Vladimír Kafka, Věra Koubová, Marek Nekula, Vojtěch Saudek und Jiří Stromšík besorgt wurden, erschienen hier eine Anthologie der Prager deutschsprachigen Poesie, zweisprachige Ausgaben sowie Übersetzungen von Autoren, die bislang jenseits des Interesses des Publikums gestanden hatten. Dazu gehörte zum Beispiel die zweisprachige Anthologie Když se mnou nejsi ty …/Wenn du nicht bei mir bist … (2009), herausgegeben von Viera Glosíková in der Übersetzung von Miloš Kučera, die das bisherige Bild der Prager deutsch geschriebenen Literatur u. a. um die Gedichte von Hedda Sauer vervollständigte, wie auch die spätere zweisprachige Ausgabe von Victor Hadwigers Gedichten (2016). Von nun an wurde die Prager deutsche Literatur nicht mehr mit einem einzigen Namen identifiziert und zeigte sich wieder in ihrer ganzen genremäßigen und generationellen Vielfalt.

Um die Jahrhundertwende nahmen solche Initiativen zu. Neben fachlicher ausgerichteten Publikationen war z. B. Kosatíks Menší knížka o německých spisovatelích z Čech a Moravy (2001, 2. Ausgabe 2017; Kleineres Buch über die deutschen Schriftsteller aus Böhmen und Mähren) an die breitere Öffentlichkeit gerichtet. Es wurde immer deutlicher, dass es sich bei diesen Autoren nicht um einige außergewöhnliche Persönlichkeiten gehandelt hatte, die in Prag lebten, sondern um eine umfangreiche literarische Tradition in den gesamten böhmischen Ländern, die wieder in deren Kulturgeschichte eingegliedert werden musste.

Zwei Ansichten einer verlorenen Landschaft

Nach der Jahrtausendwende erschienen in tschechischer Sprache zwei Publikationen, die wesentlichen Einfluss auf die weitere Rezeption der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder hatten. Es ist kein Zufall, dass dem tschechischen Leser in kurzem zeitlichem Abstand zwei unterschiedliche, aber einander ergänzende Perspektiven auf ein und dieselbe literarische Landschaft vorgelegt wurden, beide in tschechischer Übersetzung: Jürgen Serkes Böhmische Dörfer. Putování opuštěnou literární krajinou (2001; Böhmische Dörfer. Wanderungen durch eine verlassene literarische Landschaft, 1987) und Josef Mühlbergers Dějiny německé literatury v Čechách 1900–1939 (2006; Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen 1900–1939, 1981). Gemeinsam bilden sie den Interpretationsrahmen, von dem die tschechische Rezeption der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder nach 2000 für lange Zeit ausgegangen war.

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Josef Mühlberger: Dějiny německé literatury v Čechách 1900–1939 (2006)

Die ältere der beiden Publikationen war von Josef Mühlberger verfasst, einem Prosaautor, Dichter, Übersetzer, Herausgeber und Literaturhistoriker, der zur letzten Generation der unmittelbaren Zeugen des multinationalen kulturellen Milieus der böhmischen Länder gehörte und nach der Vertreibung aus der Heimat in Baden-Württemberg in Eislingen/Fils lebte. Seine Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen 1900–1939, ins Tschechische übersetzt von Veronika Dudková und erstmals veröffentlicht im Jahre 1981, war über viele Jahre hinweg die einzige systematische Synthese dieser Literatur.

Bei der tschechischen Ausgabe handelte es sich nicht einfach um eine Übersetzung des ursprünglichen Textes. Sie war wesentlich um eine Bibliografie der tschechischen Übersetzungen, Material zur Rezeption im Land sowie eine weitere Dokumentation erweitert und von Anfang an als Arbeitswerkzeug für eine neue Generation tschechischer Forscher und Übersetzer konzipiert. Mühlberger tritt hier nicht nur als Literaturhistoriker auf. Er knüpft zugleich an seine langjährige Arbeit als Herausgeber und Übersetzer an, mit der er sein Leben lang einen Dialog zwischen der tschechischen und deutschen literarischen Kultur vermittelte. Diese Vermittlerrolle war bereits Ende der 1980er Jahre Gegenstand eines Kolloquiums des Münchner Adalbert Stifter Vereins, dessen Beiträge bislang weitgehend übersehene Aspekte seines Lebens betonten.

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Jürgen Serke: Böhmische Dörfer. Putování Opuštěnou Literární Krajinou (2001)

Auf andere Weise sprach Jürgen Serkes Publikation das tschechische Publikum an. Der Autor teilt mit Mühlberger das Schicksal als Vertriebener nach dem Zweiten Weltkrieg, allerdings aus dem heutigen Polen. Sein Buch ist kein literaturhistorisches Überblickswerk, sondern eine kulturhistorische Reportage, die Literaturgeschichte mit Reisebeschreibung und Publizistik mit persönlichem Zeugnis verbindet. Serke schildert die vergessenen Autoren nicht im Rahmen einer literaturwissenschaftlichen Deutung, sondern anhand von Lebensschicksalen, Orten und Geschichten. Damit sprach er weit über Germanistenkreise hinaus Leserinnen und Leser an.

Wie auch Mühlberger beschränkt sich Serke nicht auf eine reine Interpretation. Im Rahmen der Reihe Bibliothek der Böhmischen Dörfer, die im Wiener Verlag Paul Zsolnay erscheinen sollte, beteiligte er sich auch an Neuausgaben der belletristischen Werke der Autoren, über die er schrieb. Hier bilden literaturgeschichtliche Interpretation und Herausgabearbeit zwei Seiten derselben Anstrengung. Übrigens bezieht sich Serke mehrfach auf Mühlbergers Publikation. Beide waren um die Rückkehr derselben Literaturlandschaft zunächst ins deutsche und dann auch ins tschechische Bewusstsein bemüht, allerdings war die jeweils gewählte Art und Weise des Erzählens ebenso unterschiedlich wie das Publikum. Während Mühlberger eine historische Synthese vorlegte, die auf einer lebenslangen Kenntnis des Umfelds basierte, verwandelte Serke dieselbe Welt in eine spannende kulturelle Erzählung.

Möglicherweise war deshalb auch die Reaktion auf beide Bücher unterschiedlich. Während die Übersetzung der Böhmischen Dörfer (das erstmals 1987 erschienene Buch wurde von Veronika Dudková, Michaela Jacobsenová, Petr Kitzler und Věra Koubová ins Tschechische übertragen) zu einem bedeutenden kulturellen Ereignis wurde und den Literaturpreis Magnesia Litera erhielt, wurde Mühlbergers Überblickswerk in tschechischen Fachkreisen wesentlich zurückhaltender aufgenommen. Dazu trug auch der außerordentliche editorische Mut des Verlags Triáda bei, in dem Serkes Buch erschien. Der Lektorin Eva Jelínková ist es zu verdanken, dass es, obwohl sich das Auftreiben von Bildmaterial und Autorenrechten schwierig gestaltete, gelang, die tschechische Ausgabe dem deutschen Original visuell so getreu wie möglich zu gestalten und zugleich zu aktualisieren.

Erinnerung von unten

Das Wiederaufleben des Interesses an der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder nach 1989 begann nicht im universitären Umfeld. Zunächst wurde es von Übersetzern, Bibliothekaren, Herausgebern, Museumsmitarbeitern und regionalen Forschern getragen, die versuchten, eine mit konkreten Orten, Landschaften und historischen Erfahrungen verbundene Literatur in ihren kulturellen Zusammenhang zurückzubringen. Hierbei ging es noch nicht darum, einen neuen literarischen Kanon zu erschaffen, sondern vor allem um die Erneuerung einer abgerissenen Erinnerung.

In diesem Prozess kommt der Jihočeská vědecká knihovna (Südböhmische wissenschaftliche Bibliothek) in Budweis/České Budějovice und den mit ihr verbundenen Aktivitäten von Jan Mareš, bei denen er von Ivo Kareš systematisch unterstützt wurde, eine Pionierrolle zu. Das Internet-Portal Kohoutí kříž: Šumavské ozvěny/’S Hohnakreiz: Des Waldes Widerhall (seit 2001, Auswahlband 2003) sowie die von der Bibliothek publizierte Reihe, in der z. B. Übersetzungen von Rudolf Slawitschek (2017) und Johannes Urzidil (2005) oder der Auswahlband Knížka rožmberská (2011; Rosenberger Büchlein) erschienen, schufen einen einzigartigen Rahmen, in dem die deutsch geschriebene Literatur Südböhmens und des Böhmerwalds nicht nur in Fachkreise, sondern auch zu den Leserinnen und Lesern vor Ort zurückkehrte. Marešs Arbeit zeigt, dass Literatur nicht nur Forschungsgegenstand zu sein braucht; sie kann auch zum Mittel eines neuen Verständnisses für die Kulturgeschichte der Landschaft werden.

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Kohoutí kříž/’S Hohnakreiz. Ozvěny německé lyriky ze Šumavy (2003)

Das Beispiel von Budweis ist nicht das einzige. In verschiedenen Teilen der böhmischen Länder entstanden unabhängig davon ähnliche Initiativen. In Reichenberg/Liberec begründeten Marek Sekyra, Otokar Simm und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine beachtenswerte Editionsreihe, die den literarischen Traditionen der historischen Region Nordböhmen, Oberlausitz und dem angrenzenden böhmisch-schlesischen Grenzland gewidmet ist. Otokar Simm war in bedeutendem Maße an den Übersetzungen beteiligt, außerdem Lenka Drugová, Kateřina Šidlofová und Tomáš Cidlina. Im Rahmen der Reihe erschienen die zweisprachigen Anthologien Ještědské květy – Jeschkenblumen (2008, 2., erweiterte Ausgabe 2018), Jizerské květy – Iserblumen (2011), Frýdlantské květy – Friedländer Blumen (2013), Ploučnické květy – Polzenblumen (2015) und zuletzt Lužické květy – Lausitzer Blumen (2024). Diese Bände sind mehr als einfach nur eine Auswahl aus der Regionalliteratur. Mit literarischen Textauszügen, kurzen Autorenbibliografien und historischen Kommentaren machen sie eigenständige literarische Landschaften zugänglich, deren kulturelle Verbindungen häufig über die heutigen Landes- und Staatsgrenzen hinausreichten.

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Ještědské květy – Jeschkenblumen (2008)

Auf einem vergleichbaren Prinzip beruhte auch das Projekt Do nitra Askiburgionu (seit 2000; Ins Innere von Askiburgion), herausgegeben vom Verlag Moravská expedice in Bärn/Moravský Beroun. Es verband Literaturgeschichte, regionale Heimatkunde und Übersetzungsarbeit, an der neben Libor Martinek zum Beispiel Karel Gold und Karel Growka beteiligt waren. Neben Studien und literaturhistorischen Materialien wurden dort Auszüge aus dem Schaffen deutsch und polnisch schreibender Autoren mit Bezug zum Altvatergebirge, Tschechisch-Schlesien und dem tschechisch-polnischen Grenzgebiet publiziert und an kulturelle Zusammenhänge, die die heutige Staatsgrenze überschreiten, erinnert.

Eine unersetzliche Rolle spielten hierbei auch regionale Verlage, die bereit waren, Bücher mit geringem kommerziellem Potential, aber großer Bedeutung für die Erneuerung des kulturellen Gedächtnisses zu drucken. Besonders tat sich der von Kristina Kaiserová gegründete Verlag Albis international aus Aussig/Ústí nad Labem hervor. Neben Publikationen zur Geschichte Nordwestböhmens erschloss der Verlag systematisch Memoirenliteratur, regionale Prosa und auch Übersetzungen von deutsch schreibenden Autoren. Natürlicher Teil dieser Reihe war auch die bereits erwähnte tschechische Ausgabe von Mühlbergers Geschichte der deutschen Literatur in Böhmen 1900–1939, die unter anderem zwei Kapitel über „Landschaften und Städte“ enthält. An den Übersetzungen waren unter anderem Jaroslav Achab Haidler und Eva Kolářová beteiligt. Wie vielseitig das Verlagsprogramm gestaltet ist, belegen die zweisprachige Ausgabe der Lebenserinnerungen von Gerda Eckelt Wo ist mein Heim, mein Vaterland/Kde domov můj … (1997/1998), Josef Holubs Roman Červený Nepomuk (1998; Der rote Nepomuk), Bedřich Rohans kulturhistorische Erinnerungen Aussiger Schoulet/Ústecký šoulet (2001) und Annelies Schwarz` autobiografisches Buch Červenobílé křemínky. Příběh Liese 1944–1950 (2003; Wir werden uns wiederfinden. Die Vertreibung einer Familie). Allen diesen Titeln ist die Bemühung gemeinsam, die Literatur, die Orte und auch die menschlichen Schicksale Nordwestböhmens in Erinnerung zu rufen und ihnen ihren Platz zu geben. Ähnliche Arbeit leistete der Verlag OFTIS in Wildenschwert/Ústí nad Orlicí, der neben der Herausgabe heimatkundlicher Literatur an der Erschließung nahezu vergessener deutsch schreibender Autoren des böhmisch-mährischen Grenzgebiets beteiligt war. Ein weiteres beredtes Beispiel ist die tschechische und deutsche Ausgabe einer Auswahl aus dem Werk Karel Hübls, zusammengestellt von Jiří Cihlář (2006). Der Schriftsteller, Kommunalpolitiker und Vertreter des Bunds der Landwirte war einer der sudetendeutschen Agrarier, die vor dem Münchner Abkommen einen kritische Standpunkt gegenüber der Politik Henleins vertraten. Hübls Werk wurde nach 1989 nicht nur von den tschechischen Lesern wiederentdeckt, sondern trug auch zum Wiederaufleben des Interesses an seinem Schaffen im deutschsprachigen Raum bei.

Zu den vergleichbaren persönlichen Initiativen gehörte die langjährige Arbeit des Gymnasiallehrers Jaroslav Bránský aus Boskowitz/Boskovice. Im Anschluss an die Übersetzung der Prosatexte von Hermann Ungar Ende der 1980er Jahre – Bratři (Die Brüder), Chlapci a vrazi (Knaben und Mörder) – gab er in Zusammenarbeit mit dem Verlag Albert die erstmals in tschechischer Sprache gesammelten Werke dieses aus Boskowitz stammenden Autors heraus. Zunächst erschien der Band Romány, menší prózy (2001; Romane, kleinere Prosa), danach Hry, dopisy, publizistika (2005; Stücke, Briefe, Publizistik). Auch dieses Projekt erinnert daran, dass die Rückkehr der deutsch geschriebenen Literatur in den böhmischen Ländern sich häufig aus der persönlichen Faszination Einzelner speiste, die geduldig an ihre noch vor 1989 begonnenen Arbeiten anknüpften.

Die Wiedereinführung der deutsch geschriebenen Literatur im tschechischen Landesinneren nahm noch eine andere Form an, die vor allem mit dem Gedenken an jüdische Autoren verbunden war. Lenka Kusákovás Anthologie Rovinám rodným náleží písně mé … (2016; Den heimatlichen Ebenen gehören meine Lieder …), an deren Übersetzungen neben Michaela Jacobsonová ein weiterer Kreis von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern beteiligt war, bot vielen tschechischen Lesern überhaupt zum ersten Mal einen Zugang zum Schaffen von Dichtern aus dem Elbetiefland, darunter die Brüder Janowitz, Camill Hoffmann und Rudolf Fuchs. Gleichzeitig machte sie auf ein literarisches Umfeld aufmerksam, das jahrzehntelang beinahe vergessen war. Es blieb jedoch nicht bei der Buchausgabe, mit dem Projekt gingen Rundfunksendungen, literarische Abendveranstaltungen und weitere popularisierende Aktivitäten einher.

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Rovinám rodným náleží písně mé … (2016)

Diese Spur nahm die Středočeská vědecká knihovna (Mittelböhmische wissenschaftliche Bibliothek) in Kladen/Kladno mit ihrer Publikation 42 hvězd mezi nebem a zemi (2020; 42 Sterne zwischen Himmel und Erde) auf, die von Alexandra Blodigová, Kateřina Mikulcová und Kateřina Voborská in Fortsetzung der gleichnamigen Ausstellung herausgegeben wurde. Anhand der Lebensläufe von 42 jüdischen Autoren, mit Arbeitsblättern für Schulen und regional ausgerichteten literarischen Trassen belegt das Buch überzeugend, dass die deutsch geschriebene Literatur der böhmischen Länder weder nur auf Prag konzentriert war noch auf die deutschsprachigen Regionen im Grenzgebiet. Sie war ebenso Teil des literarischen Geschehens im Landesinneren und bildete einen natürlichen Bestandteil der Geschichte von Regionen, in denen die tschechische, die deutsche und die jüdische Kultur über Jahrhunderte hinweg eng miteinander verflochten waren. Beide Publikationen verwandelten die bisherige Landkarte der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder grundlegend.

Gerade in den Regionen zeigt sich am deutlichsten, dass die Rückkehr der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder weder das Werk eines einzelnen Zentrums noch das einer einzelnen Generation war. Die Literatur wurde zu einer neuen Lesart der Landschaft und erinnerte daran, dass die Geschichte der böhmischen Länder über Jahrhunderte hinweg vom Zusammenleben mehrerer Sprachen, Kulturen und auch historischen Erfahrungen geformt worden war. Parallel entstanden neue Übersetzungen, kritische Editionen und auch literaturgeschichtliche Übersichtsbände, die einander ergänzten, ohne Teil eines einzigen Programms zu sein.

Mähren

Ging in Tschechien die Rückkehr der deutsch geschriebenen Literatur vor allem aus regionalen Initiativen, Bibliotheken und kleineren Verlagen hervor, so bildete in Mähren vor allem die Arbeitsstelle an der Universität von Olmütz ihren Mittelpunkt. Hier gelang es, die literaturhistorische Forschung langfristig mit Übersetzungs- und Herausgebertätigkeit zu verbinden. Diese Bemühung wurde nicht nur von der Institution getragen, sondern von mehreren Personen, die über Jahrzehnte hinweg in diesen Aktivitäten verbunden waren – und es noch heute sind.

Schwerpunkt dieser Bemühungen war ab 1997 die Arbeitsstelle für deutschmährische Literatur/Centrum pro výzkum německé moravské literatury an der Palacký-Universität in Olmütz. Für die dortige Arbeit stehen vor allem die Namen Lucy Topoľská, Ludvík Václavek, Ingeborg Fiala-Fürst und Jörg Krappmann. Ihre Arbeit war nicht nur auf Erkenntnisse zur deutsch geschriebenen Literatur Mährens ausgerichtet, sondern auch darauf, diese den tschechischen Lesern vermittels Übersetzungen, kritischen Editionen und Anthologien wieder zugänglich zu machen. Eine Schlüsselrolle kam vor allem den Reihen Poetica Moraviae und Beiträge zur deutschmährischen Literatur zu, an deren Herausgabe in bedeutender Weise auch Tomáš Fürst, Radek Malýund weitere Mitarbeiter der Olmützer Germanistik beteiligt waren. So erschlossen sie den hiesigen Lesern die Werke so unterschiedlicher Autorinnen und Autoren wie Louis Fürnberg, Peter Härtling, Willibald Müller, Vlastimil Artur Polák, Hellevi Rebmann, Eugen Schick, Roman Karl Scholz, Walter Seidl, Karl Hans Strobl, Gerold Tietz und Max Zweig.

Diese editorische Vielfalt zeigt, dass die deutsch geschriebene Literatur Mährens nicht einseitig ist, sondern eine vielschichtige Tradition bildet, die Poesie, Prosa, Memoiren, historische Romane und auch modernes Erzählen umfasst. Zu ihren ersten übergreifenden Darstellungen gehört die zweisprachige Publikation Literární procházky německou Olomoucí/Literarische Wanderungen durch das deutsche Olmütz (2012), an deren Herausgabe Lukáš Motyčka und Veronika Opletalová beteiligt waren und die die Ergebnisse der fachlichen Forschung in den Raum und das kulturelle Gedächtnis der Stadt hinaustrugen. Den Höhepunkt dieser Arbeit bildete die zweibändige Antologie německé moravské literatury/Anthologie der deutschmährischen Literatur (2014), zusammengestellt von Lukáš Motyčka und Barbora Veselá. Der erste Band enthielt die ursprünglichen deutschsprachigen Texte, der zweite ihreÜbersetzungen ins Tschechische. Neben Autoren von Weltrang wie Rainer Maria Rilke, Robert Musil, Franz Werfel oder Marie von Ebner-Eschenbach stellte sie auch viele Autorenpersönlichkeiten vor, die sich bisher außerhalb des Bewusstseins der Leserinnen und Leser befunden hatten, etwa Elisabeth Janstein oder Eduard Kulke. So erfasste sie zum ersten Mal die deutsch geschriebene Literatur mährischer Provenienz als Tradition mit historischem Zusammenhang und Binnendifferenzierung, nicht als Zusammenstellung isolierter Autoren.

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Antologie německé moravské literatury (2014)

Die Olmützer Arbeitsstelle konnte überzeugend nachweisen, dass Übersetzung nicht einfach nur eine Übertragung von einer Sprache in die andere ist. Sie wird zum kulturellen Akt, der das literarische Werk in den Raum seiner Rezeption zurückgibt und sie erneut ins tschechische Kulturbewusstsein eingliedert. Hier endet die Literaturgeschichte nicht mit einer fachlichen Interpretation, sondern setzt sich in der Übersetzung der Bücher, ihrer Herausgabe und ihrer Rückgabe an die Leser fort. Gerade die wechselseitige Durchdringung von Forschung, Übersetzung und Herausgebertätigkeit machte es möglich, dass die deutsch geschriebene Literatur Mährens wieder natürlicher Bestandteil des Horizonts der tschechischen Leserschaft werden konnte.

Auch die Arbeiten, die an der Universität Ostrau/Ostrava im Umfeld von Iva Málková und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern entstanden, gingen von einer ähnlichen Auffassung der regionalen Literaturgeschichte aus. Die Projekte Literární paměť regionu 1918–2018 (2021; Das literarische Gedächtnis der Region), Literární mapa Ostravy 1918–2018 (2025; Literarische Landkarte von Ostrava) und vor allem Literární slovník severovýchodní Moravy a českého Slezska 1918–2018 (2022; Literaturlexikon Nordostmährens und Tschechisch-Schlesiens) stellen die deutsch geschriebene Literatur nicht mehr als abgetrennte Tradition dar, sondern als natürlichen Bestandteil der literaturgeschichtlichen Vielvölkertradition Nordmährens und Tschechisch-Schlesiens. Auch hier bestätigt sich, dass die Wiederbelebung der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder aufgehört hat, eine reine Frage der Übersetzungen und Editionen zu sein, sondern Teil einer neuen Art und Weise der regionalen Literaturgeschichtsschreibung geworden ist.

Auf dem Weg zur gemeinsamen Geschichte

Durch die langjährige übersetzerische und herausgeberische Tätigkeit der vorangegangenen Jahrzehnte wurden die Voraussetzungen für den nächsten bedeutenden Schritt geschaffen. Übersetzungen einzelner Autoren, Anthologien und regionale Editionen stellten keine isolierten Initiativen mehr dar, sondern verwandelten das Bild der Literaturgeschichte der böhmischen Länder an sich. Der Kulturtransfer hörte auf, nur noch Mittel zur Erschließung einzelner Werke zu sein; er wurde zu einem der Ausgangspunkte für eine neue Form literaturhistorischen Denkens.

Den bedeutenden Höhepunkt dieses Wandels bildeten 2018 zwei im Kontext des hundertsten Gründungsjubiläums der Tschechoslowakischen Republik entstandene umfangreiche Publikationen synthetisierenden Charakters. Die Literární kronika první republiky (Literarische Chronik der Ersten Republik), herausgegeben von den Literaturhistorikern Petr Šámal aus Prag und Vladimír Barborík aus Bratislava, zeichnete das literarische Leben der Tschechoslowakei zwischen den Weltkriegen als Raum, in dem die Literaturen mehrerer Sprachen nebeneinander entstanden und einander wechselseitig beeinflussten. Seit 2017 war auch das Germanobohemistische Team des Instituts für tschechische Literatur der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik an ihrer Konzeption beteiligt und brachte seine im Rahmen vorheriger übersetzerischer, editorischer und auch literaturhistorischer Arbeiten gesammelte Erfahrung ein. So konnte die Chronik auf natürliche Weise an die Arbeiten anknüpfen, von denen in den vorangegangenen Kapiteln die Rede war, und die deutsch geschriebene Literatur der böhmischen Länder in eine gemeinsame Erzählung über die Literatur der Ersten Republik eingliedern.

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Literární kronika první republiky (2018)

Im selben Jahr gaben Dagmar Hájková und Pavel Horák vom Masaryk-Institut und dem Archiv der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik die repräsentative Publikation Republika Československá 1918–1938 (Die Tschechoslowakische Republik) heraus, die in Kapiteln, die unter anderem der Avantgarde, der Heimatliteratur und dem kulturellen Leben im tschechoslowakischen Staat in der Zwischenkriegszeit gewidmet sind, ebenfalls die traditionellen nationalen oder sprachlichen Grenzen aufbrach. Beide Publikationen erzählten nach hundert Jahren mit unterschiedlichen Mitteln die Kulturgeschichte der Ersten Republik als Geschichte eines gemeinsamen Raumes.

Dieser Wandel bildete den Ausgangspunkt für weitere Gesamtdarstellungen. Die kollektive Dějiny české literatury v Protektorátu Čechy a Morava (2022; Geschichte der tschechischen Literatur im Protektorat Böhmen und Mähren) umfasste bereits eine eigenständige Interpretation der deutsch geschriebenen Literatur aus der Protektoratszeit und bezogen auch die Formen ein, die die Koexistenz der tschechischen und der deutschen Kultur unter den Bedingungen der Besatzung annahm, also unter völlig anderen Bedingungen, als bisher geherrscht hatten. Die nachfolgende Monografie Tvořeni literaturou. Společné dějiny česky a německy psané literatury českých zemí (1760–1920) (2024; Aus Literatur geschaffen. Die gemeinsame Geschichte der tschechisch und deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder), ließ die parallele Interpretation als zwei Nationalliteraturen hinter sich und versuchte zu erfassen, wie diese einander seit Mitte des 18. Jahrhunderts über lange Zeit hinweg wechselseitig geformt hatten. Hier tritt die deutsch geschriebene Literatur der böhmischen Länder nicht mehr als Randphänomen auf, sondern als natürlicher Bestandteil der Literatur- und Kulturgeschichte.

Den symbolischen Höhepunkt dieses Prozesses markierte 2025 die Publikation zweier neu übersetzter Romane von Ludwig Winder, Židovské varhany (Die jüdische Orgel)und Opožděné slasti (Die nachgeholten Freuden) in der repräsentativen Reihe Česká knižnice (Tschechische Bibliothek). Diese Reihe hatte sich auch früher schon deutschsprachigen Texten aus den böhmischen Ländern zugewandt – es sei an die Sonderstellung Bernard Bolzanos erinnert, an die Aufnahme der deutschsprachigen Versionen von Gedichten eines Karel Hynek Mácha oder Dramen eines Václav Kliment Klicepra, als Erinnerung an die historische Mehrsprachigkeit der Literatur Böhmens. Aber Winders Romane sind der erste eigenständige Band eines deutsch schreibenden Autors der böhmischen Länder und bilden den Anfang einer neuen germanobohemistischen Reihe. Die Übersetzung sowie der umfangreiche Kommentar wurden von Ingeborg Fiala-Fürst und Jan Budňák besorgt.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Ludwig Winder am Anfang dieser Reihe steht. Sein Werk, das am Schnittpunkt deutscher, tschechischer und jüdischer Erfahrung entstand, erinnert daran, dass die Literatur der böhmischen Länder vom Beginn der Moderne an viel vielfältiger und verflochtener war, als sie über Jahrzehnte hinweg von der nach streng nationalen Kriterien definierten Literaturgeschichte dargestellt wurde. Die Übersetzung von Winders Romanen markiert nicht nur die Rückkehr eines bedeutenden Autors. Sie wird zum Symbol der Wandlung des literarischen Kanons als solchem, sowie der Art und Weise, wie wir die Literaturgeschichte der böhmischen Länder heute erzählen. Selbstverständlich handelt es sich nicht um den Abschluss dieses Prozesses: In der herausgegebenen germanobohemistischen Reihe soll eine Auswahl aus Adalbert Stifters Erzählungen folgen, sie fußt überwiegend auf den Übersetzungen von Anna Siebenscheinová, ergänzt um die Herausgabe und einen Kommentar von Václav Maidl, einem der bedeutendsten tschechischen Kenner Adalbert Stifters und der Literaturgeschichte des Böhmerwalds. Somit deutet die neue Reihe an, dass die Rückkehr der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder weiterhin ein offenes Projekt ist, ein Gebiet, auf dem es immer noch etwas zu entdecken gibt.

Als mehrere Monate vor dem November 1989 Milan Uhde in der österreichischen Tageszeitung Die Presse die deutsche Ausgabe von Serkes Böhmischen Dörfern rezensierte, bezeichnete er die neu entdeckte Welt der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder als „Atlantis der Kunst“. Mit dieser treffenden Metapher bezeichnete er eine kulturelle Landschaft, die aus dem tschechischen und dem europäischen Gedächtnis verschwunden zu sein schien. Denn diese Literatur kehrte nach 1989 nicht mit einer einzigen Geste oder einem einzigen Buch zurück. Ihre Wiedereingliederung in den tschechischen Kulturraum war das Ergebnis langjähriger Arbeit von Übersetzern, Herausgebern, Bibliothekaren, regionalen Verlagen, Literaturhistorikern und vielen außerordentlich beharrlichen Einzelpersonen. Ihre Bemühungen gingen weder von einem einzelnen Zentrum noch von einem einzelnen Programm aus. Sie verliefen häufig parallel und unabhängig voneinander, verwandelten aber dennoch alle zusammen den Horizont der tschechischen Leser.

Es war kein Weg aus dem Vergessen in die Vollständigkeit – ein solcher Weg existiert übrigens gar nicht. Es war ein Weg von einzelnen Übersetzungen, regionalen Initiativen und editorischen Projekten hin zu einer gemeinsamen Lesart der Literaturgeschichte der böhmischen Länder. Nicht nur der literarische Kanon wurde erweitert, sondern auch die eigentliche Vorstellung davon, wer und was alles die Literatur der böhmischen Länder bildet. Dabei wird das Atlantis der Kunst nicht ein für alle Mal entdeckt. Jede neue Übersetzung, kritische Edition oder literaturwissenschaftliche Forschung präzisiert seine Umrisse und erinnert daran, dass die Geschichte der deutsch geschriebenen Literatur der böhmischen Länder ein offenes Feld für weitere Erkenntnisse bleibt. So hat sich das Atlantis der Kunst nicht in einen endgültig gefundenen Kontinent verwandelt. Seine Umrisse werden präziser und es erobert sich seinen Platz in der Landschaft der böhmischen Länder zurück.

Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka.

Václav Petrbok
ist Germanist und Bohemist, Hochschullehrer sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für tschechische Literatur der Tschechischen Akademie der Wissenschaften.

Aus dem Magazin Das literarische Atlantis taucht auf

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